Über den Umgang mit Präparaten von Nazi-Opfern vor 1945 und danach

Von Götz Aly

Ein vertraulicher Erlaß des Reichserziehungsministers vom 18. Februar 1939 regelte, was deutsche Anatomen gefordert hatten: "Die Leichen der im Gebiete des Deutschen Reicies hingerichteten Personen sollen dem Anatomischen Institut der jeweils nächstgelegenen Universität zum Zwecke der wissenschaftlichen Forschung und des Unterrichts überlassen werden."

Wenig später erklärten sich mehr als die Hälfte der großdeutschen Prosekturen bereit, an der "wissenschaftlichen Auswertung" der "Euthanasie"-Aktion mitzuarbeiten, allen voran die Forschungsinstitute der Kaiser-Wilhelm (heute: Max-Planck)-Gesellschaft: das Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch und die Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie in München.

Ärzte entnahmen in Auschwitz "lebendfrisches" Material und schickten es, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, nach Hause; sie beforschten die Opfer des Terrors in den Tagen und Stunden vor deren gewaltsamem Tod und wenige Sekunden danach; sie drückten den Stempel "Wissenschaftlicher Fall" zu Lebzeiten auf die Krankenblätter der Todgeweihten und gaben Mördern das Gefühl, gewissermaßen nebenbei am Fortschritt der Menschheit mitzuarbeiten. Professor Berthold Ostertag, damals Neuroanatom am Berliner Rudolf-Virchow-Krankenhaus, ließ sich sogar bei der Sektion eines ermordeten Kindes photographieren.

Die Anatomen kamen zu Hunderttausenden von Gehirnschnitten, zu Organpräparaten, Photos und Filmen, Röntgenaufnahmen, Untersuchungsprotokollen und Skeletten – leicht gewonnenes, oft einmaliges "Material".

Auswerten konnten sie ihre Sammlungen zumeist erst nach 1945, ein Jahr, das solchen Wissenschaftlern nur die kurze Pause zwischen Beschaffung und Analyse bedeutete. Die Handbücher der Allgemeinen und Speziellen Pathologie, die sie in den dann folgenden zwanzig Jahren erarbeiteten, sind mit den Ergebnissen jener "einmaligen Gelegenheit" dicht bestückt.

Die Leichen gesunder Leute

Hermann Voss, nach dem Krieg der bekannteste deutsche Anatom, notierte 1941: "Die Organpräparate der Hingerichteten waren so schön, wie ich sie noch nie auf dem Präpariersaal gesehen habe." Es handelte sich um die Leichen junger gesunder Leute, wenige Minuten oder Stunden nach dem Tod konserviert. Voss, 1941 Gründungsdekan der Medizinischen Fakultät der "Reichsuniversität Posen", bekam derart viele Leichen geliefert, daß er damit zu handeln begann. Skelette, Schädel verkaufte er nach Wien und Hamburg oder an den Leipziger Lehrmittelgrossisten Hummel. Ein Skelett 150 Reichsmark, ein Schädel 30, Wirbelsäule mit Kopf und Becken 50 Reichsmark, ein Phallus in Formol 50 Pfennige.

Das Leichenbuch der Posener Anatomie vermerkt Hunderte von Toten: "Gehenkte", "Erschossene", "Hingerichtete", "Geköpfte", "Verstorbene (Judenlager)", aber nicht eine Frau, nicht einen Mann, die eines natürlichen Todes gestorben wären. In deutschen Schulen, Universitäten, naturkundlichen Museen, in den Regalen von Ärzten stehen zu Tausenden jene Knochen und Präparate, die 1939 bis 1945 in einem letzten entwürdigenden Akt aus den Leichnamen der Opfer des Nationalsozialismus gewonnen wurden.

Den Beteiligten schlug kein Gewissen. "Heute nach dem Mittagessen", schrieb Voss in sein Tagebuch, "habe ich eine 3/4 Stunde oben, dicht unter dem Dach, auf unserer ‚Knochenbleiche‘ gesessen und mich von der Sonne bescheinen lassen. Rechts und links von mir lagen bleichende Polengebeine, die ab und zu ein leichtes knackendes Geräusch hören ließen."

Auch nach 1945 bleiben solchen Wissenschaftlern Moral und Ethik fremd. Voss’ Assistent, Robert Herrlinger, publizierte 1947/48 mit Erlaubnis der Sowjetischen Militärregierung jene Arbeit, mit der er sich 1944 in Posen habilitiert hatte, Photos sensationeller Präparate eingeschlossen. Herrlinger veröffentlichte "eigene Untersuchungen", vorgenommen an "acht männlichen Leichen". "Sie standen 40-80 Sekunden nach dem Tode zur Blutentnahme und Laparotomie zur Verfügung." Den durchgetrennten Hals der Ermordeten beschrieb der frisch Habilitierte als "Operationsfeld", das Blut, so teilte er mit, hatte er den "noch pulsierenden Karotiden" entnommen – in der "üblichen Weise, mittels Zählpipette". Und so gelang es ihm, irgendein medizinisches Problem zu lösen – "mit einem Schlage zu lösen".

Ein anderer, einer der renommiertesten deutschen Neuroanatomen, Julius Hallervorden, Mitglied der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und dann der Max-Planck-Gesellschaft, einer, der sich immer geweigert hatte, mit "Heil Hitler" zu grüßen, wurde im Sommer 1945 durch einen amerikanischen Sanitätsoffizier vernommen. Hallervorden hatte Hunderte von Gehirnen ermordeter Patienten der psychiatrischen Anstalten gesammelt, insbesondere von Kindern. Seine Sammlung war damals – und sie ist es bis heute – vollständig erhalten. Aber statt Skrupel zeigte Hallervorden während der Befragung Stolz, statt der Bereitschaft zur Umkehr ein selbstsicheres, vorlautes Warum-denn-nicht:

"Ich habe so was gehört, daß das gemacht werden soll, und dann bin ich dann zu denen hingegangen und habe ihnen gesagt: ‚Na Menschenskinder, wenn ihr nu die alle umbringt, da nehmt doch wenigstens mal die Gehirne heraus, so daß das Material verwertet wird.‘ Sie fragten denn: ‚Wie viele können Sie untersuchen?‘

Da sagte ich ihnen: ‚Eine unbegrenzte Menge, je mehr desto lieber.‘

Da stellte ich ihnen dann Fixiermittel und die Kisten zur Verfügung, und so haben sie sie uns reingebracht wie ’nen Möbeltransport. Das war ja nun ganz toll. Ich nahm sie an, die Gehirne; wo die nur herkamen ging ja mich nichts an. Da waren schöne schwachsinnige Mißbildungen und frühkindliche Erkrankungen." (So weit das Wortprotokoll der Vernehmung.)

Die Guillotine der Posener Gestapo war diesen Forschern ein etwas gröberes, aber sehr praktisches Operationsbesteck, der staatlich organisierte Mord eine Sternstunde der Profession, wie diese Leute sie verstanden. Wer so 1945 aussagte, 1947 veröffentlichte, der hatte keinen Grund, sich auch nur von einem in den Jahren zuvor gewonnenen Präparat zu trennen. Man hat von keinem deutschen Anatomen gehört, der sich nach 1945 von dieser Praxis distanziert, der "seine" Ausbeute der Gewaltherrschaft beschämt in den für die Reste der Anatomie vorgesehenen Gräberfeldern bestattet hätte.

Die Sammlung Hallervorden gehört dem Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt, zur Zeit ist sie an das im Parterre desselben Gebäudes gelegene Edinger-Institut der Universität ausgeliehen. Die offizielle Institutsgeschichte beschreibt alles ganz genau: Anfang der siebziger Jahre wurden feuersichere Schränke angeschafft, damit die 150 000 Hirnschnitte und 3000 Makropräparate nicht zu Schaden kommen ...

Ich wollte die Sammlung sehen und schrieb dem Direktor. Nein, erwiderte der im Februar 1983, man habe "von Herrn Professor Hallervorden weder Gehirne und Präparate noch Schriftstücke übernommen, die mit der "Euthanasie"-Aktion in Zusammenhang stehen". Ein neuer Brief, neue Argumente. Diesmal antwortete die Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft – Rechtsreferat, mit freundlichen Grüßen, Kalb. Eine Einsichtnahme könne "aufgrund des § 203 StGB" nicht gewährt werden. Der Paragraph handelt von der ärztlichen Schweigepflicht; seine Grundlage ist das besondere Vertrauensverhältnis zwischen dem Patienten und seinem behandelnden Arzt. Auch das als Hilfskonstruktion für die forschenden Ärzte gern benutzte "mutmaßliche Einverständnis der Verstorbenen" liege nicht vor, erläuterte mir Herr Kalb, "gerade auch unter Berücksichtigung Ihres konkreten wissenschaftlichen Interesses".

Zu Lebzeiten untersucht

Vertrauensverhältnis – auch dann, wenn der Arzt Mörder, der Patient sein wehrloses Opfer war, auch dann, wenn Wissenschaftler Menschen umbrachten, zum Zweck der Forschung, oder doch wenigstens ihren Tod herbeiwünschten? Die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften gab schließlich nach, gezwungen durch den Hessischen Datenschutzbeauftragten, der zwischen Krankenakten und den Protokollen klinischer Hinrichtungen durchaus einen Unterschied sah und drohte: Wenn keine historisch-forschende, dann auch keine neuroanatomisch-forschende Benutzung.

Ein Jahr später war die Besichtigung der Sammlung durchgesetzt: Sektionsunterlagen von 33 Kindern, die am selben Tag zur selben Stunde in der Gaskammer von Brandenburg umgebracht worden waren. Obduzent: Julius Hallervorden, der eigens angereist war. Er hatte die Gehirne dieser Kinder für sein Forschungsprojekt "Angeborener Schwachsinn" bestellt und sie zu Lebzeiten genau klinisch untersuchen lassen. Daneben Hunderte von Unterlagen, die durch ihre Numerierung, die Art der Sektion, Todesort und Todesdatum, ohne weiteres als Opfer der einschlägigen Mordaktionen zu identifizieren sind. Außerdem: eine Sammlung mit Gehirnpräparaten von Selbstmördern bei der Luftwaffe, gesammelt von Hallervordens Chef Hugo Spatz. Abnorm, die Hirnwindungen dieser Feiglinge! Unter welcher Arbeitshypothese sonst sollte sich Spatz für die Gehirne dieser am Krieg verzweifelten Soldaten interessiert haben?

Einige "interessante" Fälle sind in einer besonderen Präsenzregistratur abgelegt. Darunter die Krankengeschichten und Sektionsprotokolle der drei Brüder K., alle in der gleichen Anstalt gestorben, alle drei litten unter erblichem Muskelschwund: Alfred K. starb am 6. 2. 1942 im Alter von sieben Jahren. Todesursache: "Fieberhafter und grippaler Infekt." Zwölf Tage später starb sein dreijähriger Bruder Günther – "Bronchopneumonie". Die anatomischen Ergebnisse erschienen unbefriedigend, beide Untersuchungsbefunde waren trotz des Altersunterschieds relativ ähnlich. So mußte zwei Jahre später ein dritter Bruder sterben, diesmal im Alter von 15 Monaten. Die von ihm gewonnenen Präparate erwiesen sich als "wesentlich aufschlußreicher", sie zeigen die Anfangsstadien der Krankheit. Das Institut gab die Akten und Präparate schon 1954 zur Forschung weiter, zuletzt hatte sie 1979 ein Professor Hasuda aus Japan benutzt.

Die "Deutschen und ich" betitelte der britische Journalist Sefton Delmer sein 1961 erschienenes Buch. Er beschreibt dort, wie er im September 1946 von einem alten Wärter in einen Keller der Berliner Charité gerufen und in "säuerlich riechendem Halbdunkel" zu zwei mächtigen Holzbottichen geleitet wurde, beide gefüllt mit Menschenköpfen von der Hinrichtungsstätte Plötzensee.

"Jawohl", sagte sein Begleiter, "obwohl Hitler und Himmler längst tot sind, ihr Drittes Reich nur noch eine häßliche Erinnerung, betreiben die Studenten und ihre Professoren weiterhin eine so typisch nationalsozialistische ‚Verwertung des Wertlosen’. Und das mit den Überresten von Menschen, die man eigentlich als Helden und Märtyrer hätte ansehen müssen."

Niemand außer diesem Mann, einem alten Sozialdemokraten, hatte daran Anstoß genommen. Delmer fand darin, wie er 1961 interpretierte, "das erste bezeichnende Beispiel für jenen sonderbaren Dualismus im nach-hitlerschen Deutschland, für jene zweideutige Haltung der führenden Deutschen von heute gegenüber denen, die für eine bessere Welt und ein besseres Deutschland gekämpft hatten".

Was ist zu tun? In der Bundesrepublik sind Fakten, die seit ihrer Gründung bekannt sind, nun nach 40 Jahren zum öffentlichen Thema geworden. Menschengesichter beginnen durch die so gründlich steril gemachten und wissenschaftlich abstrakt geglaubten Sammlungen durchzuscheinen. Im letzten Herbst setzte sich die amerikanische Zeitschrift Archive of General Psychiatry mit dem Düsseldorfer Psychiater Bernhard Bogerts auseinander, der sich in den Vereinigten Staaten mit einer Arbeit über Zwillingsgehirne aus der Vogtschen Sammlung präsentiert hatte. Die Zwillinge waren 1941/42 kurz hintereinander gestorben, ihr Tod wahrscheinlich gewaltsam. Die Amerikaner warfen dem Deutschen vor, er öffne die Hintertür zur Legitimierung der Nazipraxis und ermutige so zu neuen unethischen Experimenten.

Die Zahl der zwischen 1939 und 1945 in Deutschland nach ethisch vertretbaren Prinzipien gewonnenen anatomischen Schaustücke ist minimal. Also sollten alle Präparate dieser Zeit für wissenschaftliche Zwecke unbrauchbar gemacht und bestattet werden. Am besten wohl in der Erde vor den jeweiligen Instituten. Ein Gedenkstein ist dort zu errichten. Er erinnert an die Opfer einer Medizin ohne Menschlichkeit, er erinnert an den Widerstand gegen die Diktatur, formuliert die Schuld der eigenen wissenschaftlichen Disziplin, ächtet die Ausnutzung politischer Gewalt für Forschungszwecke, setzt strenge ethische Normen.

Ein Land, in dem man der Frage nach der Vergangenheit immer wieder ausweicht, kann solche Gedenksteine, die dann auch Marksteine werden könnten, gebrauchen.

Götz Aly ist Mitherausgeber und Redakteur der "Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik" (Rotbuchverlag Berlin); zusammen mit Christian Pross und Monica Keller arbeitet er zur Zeit an einer Ausstellung über Medizin in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus, die im Mai auf dem 92. Deutschen Ärztetag in Berlin gezeigt werden wird.