Von Nina Grunenberg

Manche Bücher sind nur deswegen im Gespräch, weil sie von bedeutenden Zeitgenossen handeln. Pünktlich zum 70. Geburtstag des Alt-Bundeskanzlers legte Mainhardt Graf von Nayhauß sein 496 Seiten starkes Werk "Helmut Schmidt" vor – ein Buch, in dem er die Erträgnisse einer täglichen Klatschkolumne kapitalisierte, die er während der Kanzlerjahre von Helmut Schmidt mit bewundernswerter Disziplin und viel Liebe zum protokollarischen Detail schrieb.

Wer sich für Sitzordnungen im Kabinett, im Regierungsflugzeug oder auf Parteitagen interessiert, wer mehr über die Geschmacksrichtungen des Ehepaares bei der Einrichtung seiner verschiedenen Wohnungen erfahren will, über Helmut Schmidts Staatsreisen, über seinen alltäglichen Ärger, über seine Duzfreunde, über den Einfluß von Loki Schmidt auf ihren Mann oder über die.guten Manieren seiner Sicherheitsbeamten, wen die mehr oder weniger boshaften Bonmots noch amüsieren, die Politiker zu Schmidts Zeiten über ihre Nächsten fallen ließen, kurz, wer gegen ein bißchen Klatsch und Tratsch nichts einzuwenden hat, der kommt bei Graf Nayhauß auf seine Kosten. Seine Beobachtungen legen Zeugnis von sportlichem Jagdinstinkt ab und von einer nie ermüdenden Ausdauer. Sechseinhalb Jahre nach dem Ende der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt wirken sie noch überraschend frisch und gut lesbar.

Auf die Dauer fällt allerdings auf, daß der Kanzler nur zu leben scheint, wenn Graf Nayhauß hautnah dabei war, und daß von der politischen Persönlichkeit Helmut Schmidts so gut wie nicht die Rede ist. Obwohl der Autor in dieser Richtung von vornherein keinen Anspruch erhebt, macht dieser Mangel doch unnötig deutlich, daß die Schlüssellochperspektive, durch die Nayhauß seine Bonner Bühne beobachtet, einen Hang zum Gewöhnlichen und Abschätzigen begünstigt. Damit erlag Nayhauß einer Gefahr, vor der schon Heinrich Treitschke in einer Kritik über Alexander von Humboldt warnte: "Selbst der hochbegabte Mensch wird klein, wenn er die Dinge allzu nahe sieht."

Anders sieht das bei Klaus Stephan aus, dessen Buch "Gelernte Demokraten" heißt und das mit seinem Untertitel "Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß" eine vergleichende Beschreibung nach dem Muster Plutarchs zu verheißen scheint. Anders als bei Nayhauß ist der Anspruch hoch und interessant; ärgerlich wird das Buch nur deshalb, weil es ihn verfehlt. Zwar ist von Schmidt und Strauß die Rede, aber der Vergleich der Persönlichkeiten hat Stephans Ambitionen offensichtlich nicht weit genug getragen. Recht bald stellt sich auch heraus, daß Konrad Adenauer und Willy Brandt für die Entwicklung des politischen Bewußtseins von Klaus Stephan mindestens ebenso wichtig waren, wenn im Rückblick nicht sogar faszinierender.

Das persönlich geschriebene Buch ist deshalb so ärgerlich, weil es intelligent gedacht, aber schief angelegt ist. Der teilnehmende Leser, der Klaus Stephan als klugen Beobachter der politischen Zeitläufte kennt, muß sich am Ende des Buches fragen, ob der Autor nicht selber in den Spiegel hätte schauen sollen, den er anderen vorhält. Nicht die Politiker, sich selber hätte er beschreiben sollen – sich, als exemplarischen Vertreter der Flakhelfergeneration, die aus dem Kriege kam, nach Orientierung suchte und zwischen den Polen ihrer Sehnsucht nach einer besseren Welt und den verlorenen politischen Kämpfen ihrer Jugend- und frühen Erwachsenenjahre hin- und hergerissen wurde.

In diesem Spiegel hätten sie alle ihren Platz gehabt und sich zwanglos in Klaus Stephans politisches Leben und Leiden eingefügt. Vielleicht hätte dann auch Plutarch noch seinen Segen gegeben.