Von Susanne Mayer

West-Berlin

Er war ein tapferer Mann. Der Saaldiener im Rathaus Wedding warf sich jener Gefahr entgegen, die seinen Herrschaften, der dezenten Schlipsriege hinter seinem Rücken, von dieser da drohte: ein schmächtiges Frauenzimmer von dunkler Hautfarbe und mit wilden Haarsträhnen wie Medusa, an der Hand zerrte sie ein Kind daher. Das hört auf den Namen Eyla, was soviel wie „Mondsichel“ heißt.

Doch das weiß der Saaldiener natürlich nicht. Genauso wenig, wie er weiß, wie diese zwei es schaffen konnten, bis ins Zentrum seiner Macht, bis vor die Türen jenes Empfangs hervorzudringen, auf dem die Gläser zu Ehren des schwedischen Ministerpräsidenten Ingvar Carlsson gehoben werden. „Sie haben sich verlaufen!“ zischt er in einem Versuch des Exorzismus, und drohend: „Gehen Sie!“ Vergeblich! Schon sind sie drin, die beiden – „Es war ihnen allen so ungeheuer peinlich“, lacht Sevim Çelebi-Gottschlich, und schaut aus, als müßte diese Szene auch ihr ein wenig peinlich sein. Doch dazu gibt es keinen Grund. Die Delegierte der Alternativen Liste (AL) im Berliner Abgeordnetenhaus hatte eine Einladung zu diesem Empfang (die so spät eintraf, daß sie für ihre Tochter keinen Babysitter mehr fand).

Seit vor zwei Jahren die Rotation der AL im Schöneberger Rathaus anstand und die Nachrückerin Sevim Çelebi als erste Türkin in ein deutsches Parlament einziehen sollte, ist die Reihe der Peinlichkeiten nicht abgerissen, und die wenigsten waren so leicht zu beheben wie diese: Eyla wird für die Dauer der Förmlichkeiten mit Saft und sanften Ermahnungen auf ein Sofa verfrachtet.

Sevim Çelebi ist keine Person, die sich leicht abwimmeln ließe, auch wenn ihr Name soviel wie „Die Liebliche“ bedeutet. „Es war von Anfang an ein Kampf“, sagt sie, und dann: „Ich mußte mich beweisen, immer war ich allein in dieser Partei, niemand hat mir geholfen, auch nicht fünf Minuten lang. Noch nicht einmal viel Glück hat mir meine Vorgängerin gewünscht.“ Beschwörend preßt sie ihre rechte Hand vor die Brust. Augen wie eine Katze, wunderschön, doch keineswegs zahm. In ihre große Wohnung, wo sie mit Mann und Tochter lebt, oben in einem verlotterten Haus am Fraenkel-Ufer, bricht die Sonne herein, unten am Wasser sind die Marktstände aufgereiht, es könnten Ferien sein. Doch auch jetzt, wo sie, gemäß der Rotation, der Vorgängerin Heidi Bischoff-Pflanz, Wahlsiegerin am vergangenen Sonntag, wieder den Platz im Rathaus räumen muß, wo es eigentlich vorbei ist, ist es nicht vorbei.

Schwierig zu begreifen, warum das Programm „Erste Ausländerin in einem deutschen Parlament“, so fortschrittlich, so werbewirksam, kein Selbstläufer war. Fast unmöglich zu beschreiben, welche Hindernisse die AL selber vor sich aufgebaut hat. Das Jahr vor der Rotation, 1986, war ein Jahr, in dem das Thema Ausländer die Politik beherrschte. In den ersten fünf Monaten des Jahres reisten 25 000 Flüchtlinge ein, die Worte „Asylantenflut“ und „Überfremdung“ wurden zu Alltagsvokabeln. Fast kein Monat ohne Brandanschlag auf ein Asylantenwohnheim. In Berlin vermittelte die Gruppe „Fluchtburg“ Verstecke für Ausländer, denen die Abschiebung drohte. Die Vertreterin der AL in Sachen Ausländerpolitik, Heidi Bischoff-Pflanz, war Vertrauensperson vieler Gruppen, die sich mit großem Engagement für die Ausländer einsetzten. Doch als eine Ausländerin selber nun diese Belange parlamentarisch durchsetzen wollte, brach es los: Eine Flut von Briefen dieser Gruppen, die im Fraktionsbüro ganze Aktenordner füllen. Eine Kampagne in der taz. Beide des Inhalts: Dieser Ausländerin sei diese schwierige Aufgabe nicht anzuvertrauen. Die Vorgängerin – einfach unersetzlich!