Sieben Köpfe zählte jenes Unterhändler-Team der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ), mit dem der Wiener Bundeskanzler Franz Vranitzky vor zwei Jahren wochenlang den Koalitionspakt mit der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) austüftelte. Alle sieben waren gestandene Partei-Granden.

Zwei Jahre reichten aus, um die Führungsriege der österreichischen Sozialisten glatt zu halbieren. Vier der sieben sind tot – zumindest politisch. Einer ist gestorben. Der Parteivorsitzende Fred Sinowatz: zurückgetreten. Der Innenminister Karl Blecha: zurückgetreten. Der Parlamentspräsident Leopold Gratz: zurückgetreten. Ihre Funktion als stellvertretende SPÖ-Vorsitzende wollen Blecha und Gratz beim nächsten Parteitag zur Disposition stellen.

Der Bundeskanzler und ehemalige Bankdirektor Vranitzky sah sich – auch weil andere Führungskader einfach nicht mehr vorhanden waren – genötigt, selbst den Parteivorsitz zu übernehmen. Aber gleich darauf, kurz vor Weihnachten, büßte er seine beiden SPÖ-Zentralsekretäre, Heinrich Keller und Günther Sallaberger, ein – durch erzwungenen Rücktritt.

Ein personeller Aderlaß, von dem sich die größte Parlamentspartei des Landes nicht so rasch erholen wird. Die SPÖ ist binnen weniger Monate – einmal abgesehen vom Quereinsteiger Vranitzky und vom allzeit krisenfesten Heinz Fischer, dem Fraktionsvorsitzenden im Nationalrat – praktisch ihrer gesamten Führungsmannschaft der mittleren Generation verlustig gegangen. Freilich aus unterschiedlichen Gründen. Sinowatz ist über den Verdacht der falschen Zeugenaussage gestolpert. Das Zentralsekretärs-Duo hat sich in dubiosen Steuermachenschaften zur eigenen Bereicherung verheddert. Aber am spektakulärsten sind Gratz und Blecha – einst neben Hannes Androsch Bruno Kreiskys "Kronprinzen" – gescheitert: Beiden ist ihre Freundschaft mit dem Zuckerbäcker und flüchtigen mutmaßlichen Betrüger und Mörder Udo Proksch zum Verhängnis geworden.

Der vor zwölf Jahren im Indischen Ozean versunkene Frachter Lucone bringt nun auch die Karrieren sozialistischer Spitzenpolitiker zum Absaufen. Weil sich der Verdacht verdichtet, daß der Lucona-Untergang kein Unfall, sondern ein Kriminalfall war, und weil’s so aussieht, als habe Proksch mit dem Untergang der Lucona den größten Versicherungsbetrug der Zweiten Republik (mit Todesfolge für sechs Matrosen) inszeniert, vergurgeln jetzt auch Udos hochgestellte politische Freunde.

Paradoxie am Rande: Gratz selbst hatte den Lucona-Untersuchungsausschuß beantragt, der die Verwicklung von Politikern klären soll; und es waren die Befragungen dieses Ausschusses, die nicht nur in allen Massenmedien zum Lieblingskrimi der Österreicher avancierten, sondern auch Blecha und Gratz so sehr ins Zwielicht rückten, daß sie in ihren Ämtern nicht länger zu halten waren.

Nicht, weil sie von Udos Machenschaften wußten oder gar daran beteiligt gewesen wären. Nein: weil sie dem Wiener Gesellschaftslöwen, Waffenhändler und Geschäftsführer der k.u.k. Hofkonditorei Demel weit über das politisch Zuträgliche hinaus die tätige – und das heißt: die wohlwollend intervenierende – Freundschaft bewahrten. Welchen Narren die Parteispitzen der SPÖ an dem verschwitzten Schickeria-Clown Udo Proksch gefressen haben, darüber herrscht in der Öffentlichkeit seit Jahren kopfschüttelnde Verwunderung.