84 Zeilen Hiebe – "Tempo" sagt: Jung und dumm mußt du sein

Es war schon immer etwas klüger, jung zu sein: Die Welt kann einem nichts anhaben, sie liegt einem im Gegenteil zu Füßen; man darf über sie hinwegtrampeln. Aber zu beneiden ist er dennoch nicht, der Junge Mensch: Wie ein offenes Messer hetzt er mit seinem unbändigen Wissensdrang durch die Gegend, haßt alles und jeden und möchte doch lieben. Aber was, oder wen? Verzweifelt schwankt er zwischen den Geheimnissen des Universums und den Achselhöhlen Sabines, die einfach so vor ihm sitzt und ihn damit furchtbar aufregt.

In dieser existentiellen Not kommt ihm ein enzyklopädisches Magazin wie Tempo gerade recht. Hier werden dem Jungen Menschen all die Fragen beantwortet, die er nie gestellt hat: Was er anziehen, was er hören, sehen, lesen muß, um sich als Tempo-Leser zu qualifizieren.

Tempo kommt wie alles Wichtige aus Hamburg und verspricht, Klarheit im undurchschaubaren Wirrwarr der modernen Welt zu schaffen. Zwar ist die Redaktion selber so chaotisch organisiert, daß das Heft neuerdings nur mehr in Doppelnummern an den Kiosk ausgeliefert wird, aber aus dieser logistischen Schwäche macht der Chefredakteur Markus Peichl gleich die Tugend seiner Wegweisungen: In der jüngsten Ausgabe verabschiedet er vorsichtshalber schon mal die achtziger und begrüßt die neunziger Jahre.

Die Weltnachrichten der Achtziger, vom Hunger in Äthiopien bis zum Börsenkrach, von Tschernobyl bis Michael Jackson, wurden hier locker-lecker zu Appetithäppchen umbrochen und mit der gleichen superlativistischen Dröhnprosa garniert, mit der Ikea seine Regale an den Mann bringt. Ist in den letzten zehn Jahren wirklich nicht mehr passiert, als in diesen Warenhauskatalog der schönen neuen Welt paßt? Barschel? Klar, die Badewanne. Die Compact-Disc? Eine goldglänzende Nixe. Aids? Ein orange-rot schillerndes Gallert. Sonst noch? Nein, sonst nichts. Das muß es sein, mehr kann es nicht gewesen sein.

In diesem Triumph des demokratischen Mittelmaßes wird alles eins: die Minislips von Prince, der Türke Kemal Altun, der sich aus dem Fenster stürzt, um der Abschiebung zu entgehen, das Retortenbaby Oliver und die Smileys von Acid House. Wo soll da der Unterschied sein? Den braucht es gar nicht mehr. Nichts kann so kompliziert sein, als daß es sich nicht im feinen Layout abbilden ließe, nichts zu kostbar, als daß man es nicht sofort zum letzten Schrei ausrufen konnte.

Tempo zeigt, wie lustig es ist, jung und dumm zu sein. Ob ein Autor die Atombombe als Friedensgaranten preist, ein anderer den "futuristischen Expressionismus" fordert oder ein dritter allen Ernstes mit der "Stärkung der Individualität" den "Rückfall der Gesellschaft in den Faschismus" verhindern will: das kommt alles auf dasselbe heraus. Die Welt soll wieder einfach und klar werden. Und wenn sie nicht will, wird eben nachgeholfen. Tempo hilft mit, die Welt zu infantilisieren, weil damit auch das Recht erworben wird, Kinderpost zu spielen.