Von Wilhelm Ribhegge

Von stolzer Höhe ist unser Volk in einen Abgrund gestürzt. Als man uns rief, war längst kein Halten mehr. Das ist das Schlimmste an der Tragik eines zur Niederlage bestimmten Volkes, daß es sich selbst belügen muß, wenn es sich nicht wehrlos seinem Schicksal ergeben will...

Als unsere Bundesgenossen alle zusammenbrachen, als wir, ein einziges Volk, allein standen gegen eine ganze Welt, als entgegen allen tauschenden Voraussagen unserer U-Boot-Propheten das Heer der Amerikaner im Westen stromgleich anschwoll, unsere starke Front ins Wanken geriet und schließlich der geniale Hasardeur des Weltkrieges Ludendorff (lebhafte Rufe rechts: Oho! Unerhört! – Starke Zustimmung bei den Sozialdemokraten) mit dem Geständnis seines Bankrotts vor uns hintreten mußte – diejenigen, die es miterlebt haben, werden nicht wagen, ein Wort des Widerspruchs hiergegen zu erheben – (lebhafte Oho!-Rufe rechts), da fiel, sage ich, die Binde von den Augen des Volkes, und es erkannte taumelnd die Wahrheit.

Deutschland war reif geworden für den 9. November. Daß unser Volk in diesem furchtbaren Augenblick noch die Kraft besaß, die alten Größen zu zertrümmern und seine Herrschaft auszurufen, darin erblicke ich die beste Bürgschaft für unsere Zukunft."

So sprach im Februar 1919 der erste deutsche Ministerpräsident, der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann, in seiner Regierungserklärung vor der Nationalversammlung im Weimarer Nationaltheater. Die Nationalversammlung, am 19. Januar gewählt – zum erstenmal in der deutschen Geschichte waren auch die Frauen wahlberechtigt –, sollte für die neue demokratische Republik eine Verfassung ausarbeiten. Wegen der häufigen Unruhen im revolutionären Berlin war sie in die Ruhe der thüringischen Residenzstadt ausgewichen. Die Regierungsbehörde Scheidemanns saß im großherzoglichen Schloß.

Am 6. Februar war die Nationalversammlung in Weimar zusammengetreten. Sie wählte am 11. Februar den sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten; Ebert bestimmte am selben Tag den ehemaligen sozialdemokratischen Fraktionsvorsitzenden im wilhelminischen Reichstag, Scheidemann, zum Ministerpräsidenten, wie der Reichskanzler vorübergehend genannt wurde.

Scheidemann liebte das Pathos politischer Rhetorik. Diese Neigung hatte ihn wohl auch dazu gebracht, am 9. November 1918 ohne jegliche Absprache mit seinen Parteifreunden – doch in deren Anwesenheit – vom Balkon des Reichstagsgebäudes in Berlin die Republik auszurufen, ein unwiderruflicher Vorgang, der ihm sofort scharfe Vorwürfe des vor Zorn erregten Parteifreundes Ebert eintrug. Ebert hätte lieber noch die Monarchie beibehalten.