Diese Hand mußte nicht verdorren – Seite 1

Von Wilhelm Ribhegge

Von stolzer Höhe ist unser Volk in einen Abgrund gestürzt. Als man uns rief, war längst kein Halten mehr. Das ist das Schlimmste an der Tragik eines zur Niederlage bestimmten Volkes, daß es sich selbst belügen muß, wenn es sich nicht wehrlos seinem Schicksal ergeben will...

Als unsere Bundesgenossen alle zusammenbrachen, als wir, ein einziges Volk, allein standen gegen eine ganze Welt, als entgegen allen tauschenden Voraussagen unserer U-Boot-Propheten das Heer der Amerikaner im Westen stromgleich anschwoll, unsere starke Front ins Wanken geriet und schließlich der geniale Hasardeur des Weltkrieges Ludendorff (lebhafte Rufe rechts: Oho! Unerhört! – Starke Zustimmung bei den Sozialdemokraten) mit dem Geständnis seines Bankrotts vor uns hintreten mußte – diejenigen, die es miterlebt haben, werden nicht wagen, ein Wort des Widerspruchs hiergegen zu erheben – (lebhafte Oho!-Rufe rechts), da fiel, sage ich, die Binde von den Augen des Volkes, und es erkannte taumelnd die Wahrheit.

Deutschland war reif geworden für den 9. November. Daß unser Volk in diesem furchtbaren Augenblick noch die Kraft besaß, die alten Größen zu zertrümmern und seine Herrschaft auszurufen, darin erblicke ich die beste Bürgschaft für unsere Zukunft."

So sprach im Februar 1919 der erste deutsche Ministerpräsident, der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann, in seiner Regierungserklärung vor der Nationalversammlung im Weimarer Nationaltheater. Die Nationalversammlung, am 19. Januar gewählt – zum erstenmal in der deutschen Geschichte waren auch die Frauen wahlberechtigt –, sollte für die neue demokratische Republik eine Verfassung ausarbeiten. Wegen der häufigen Unruhen im revolutionären Berlin war sie in die Ruhe der thüringischen Residenzstadt ausgewichen. Die Regierungsbehörde Scheidemanns saß im großherzoglichen Schloß.

Am 6. Februar war die Nationalversammlung in Weimar zusammengetreten. Sie wählte am 11. Februar den sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten; Ebert bestimmte am selben Tag den ehemaligen sozialdemokratischen Fraktionsvorsitzenden im wilhelminischen Reichstag, Scheidemann, zum Ministerpräsidenten, wie der Reichskanzler vorübergehend genannt wurde.

Scheidemann liebte das Pathos politischer Rhetorik. Diese Neigung hatte ihn wohl auch dazu gebracht, am 9. November 1918 ohne jegliche Absprache mit seinen Parteifreunden – doch in deren Anwesenheit – vom Balkon des Reichstagsgebäudes in Berlin die Republik auszurufen, ein unwiderruflicher Vorgang, der ihm sofort scharfe Vorwürfe des vor Zorn erregten Parteifreundes Ebert eintrug. Ebert hätte lieber noch die Monarchie beibehalten.

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Seit dem November 1918 lag für drei Monate praktisch die gesamte politische Verantwortung in Deutschland bei der Sozialdemokratie. Sie hatte die Aufgabe wie selbstverständlich übernommen, war aber wenig darauf vorbereitet. Noch im September 1918 hatte der führende Kopf des linken Flügels des katholischen Zentrums, Matthias Erzberger, den SPD-Führer Ebert drängen müssen, in die (letzte) kaiserliche und erste parlamentarische deutsche Regierung unter Prinz Max von Baden einzutreten. Diese Regierung, die nur für einen Monat Bestand hatte, war eine Koalition aus dem Zentrum, den Linksliberalen Friedrich Naumanns und der SPD. Die gleiche Koalition kehrte wieder in der "Weimarer Koalition", aus der die Regierung Scheidemann im Februar 1919 hervorging.

In der Zwischenzeit war die SPD nicht nur aus einer Oppositions- zur Regierungspartei geworden, sie hatte auch ihr politisches Bewußtsein grundlegend gewandelt. Sie verstand sich als die demokratische Partei in Deutschland schlechthin. Dieser Anspruch war vielleicht etwas überheblich, er wurde aber nach dem Wahlergebnis vom 19. Januar 1919 auch von den bürgerlichen Parteien, zumindest von den beiden bürgerlichen Koalitionsparteien, akzeptiert.

Der demokratische "Alleinvertretungsanspruch" der Sozialdemokratie hatte allerdings einen Schönheitsfehler: Die Sozialdemokraten waren gespalten. Bereits 1917 hatte sich eine Minderheit von der Mehrheit getrennt und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) gegründet, die nicht bereit war, die deutsche Kriegführung durch die Bewilligung der Kriegskredite mitzutragen. Bei der Bildung des "Rats der Volksbeauftragten aus SPD und USPD nach der Novemberrevolution war die Spaltung vorübergehend gekittet worden, aber die Vertreter der USPD traten bereits im Dezember 1918 wieder aus der Regierung aus. Am 30. Dezember 1918 wurde die KPD gegründet, die jene Kräfte aus der Arbeiterschaft zusammenfaßte, welche die gemäßigte Haltung der "Regierungssozialisten" ablehnten; aber sie kandidierte noch nicht bei den Wahlen zur Nationalversammlung. Zu den bekanntesten Köpfen der KPD zählten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Beide wurden zum Entsetzen vieler Mehrheitssozialdemokraten am 15. Januar 1919 nach ihrer Verhaftung von Mitgliedern eines Freikorps hinterrücks ermordet. Erste Schatten lagen über der neuen Demokratie.

Politiker wie Ebert und Scheidemann machten sich Sorgen, möglicherweise von einer revolutionären Bewegung hinweggefegt zu werden. Es fiel ihnen schwer, die Situation richtig einzuschätzen. Die politische Opposition des Kaiserreichs sah sich unerwartet in die Rolle gedrängt, die staatliche Autorität verteidigen zu müssen. Die Unsicherheit, die dadurch bei den Sozialdemokraten entstand, ist noch in der Regierungserklärung Scheidemanns nachzuspüren, die nicht ganz so staatsmännisch ausfiel, wie er es sich vielleicht erhofft hatte. Er polemisierte wie in einer Wahlversammlung gegen die Unabhängigen, die Regierungspartei von gestern.

Deren linker Flügel habe versucht, "als Splitter des großen deutschen Volkes" mit Gewalt die Macht an sich zu reißen. "Ich nehme an, daß die geistigen Urheber jenes Unternehmens glaubten, mit ihm der Sache der Menschheit zu dienen. Aber es ist doch die schlimmste Verwirrung, deren ein menschlicher Geist fähig ist, zu glauben, die Segnungen des Sozialismus könnten einem Volke beigebracht werden durch die Gewaltherrschaft einer verwegenen Minderheit, durch die Diktatur der Handgranaten und des Maschinengewehrs." Geradezu beschwörend verteidigte Scheidemann diese Haltung der SPD vor der radikalen Linken: "Wir haben damit nur unsere Pflicht getan. Wir haben unser Programm, unsere Weltanschauung, wir haben die Demokratie, die Zukunft des Sozialismus, die Interessen des ganzen deutschen Volkes verteidigt, und so schwer wir uns auch zu diesem Kampfe entschlossen: Unser Gewissen ist rein."

Die Sozialdemokraten standen unter einem unerbittlichen Zugzwang des Handelns. Deswegen waren sie bereit gewesen, lieber mit dem Zentrum und der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) eine Koalition zu bilden, die sich auf Dreiviertel der Mandate der Nationalversammlung stützen konnte, als nochmals das Experiment einer Koalition mit der USPD zu wiederholen. Die SPD war die Weimarer Koalition nicht aus Taktik, sondern aus Uberzeugung eingegangen. Auch die neuen Koalitionspartner hatten ihre traditionellen Abneigungen gegen die SPD über Bord werfen müssen. Die deutschen "Weltanschauungsparteien" lernten, Kompromisse zu schließen.

Der Liberale Friedrich Naumann formulierte in der Debatte am 13. Februar für die DDP sozusagen die politische Philosophie der Weimarer Koalition. Theoretisch hätte die DDP, so argumentierte er, eine nichtsozialistische Regierung bilden können, mit dem Zentrum, der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei (DVP) und den konservativen Deutschnationalen (DNVP). Das aber wäre ein schlechter Anfang für die Demokratie gewesen. "Das, was Deutschland bisher nicht gehabt hat, kann jetzt vollendet werden, indem Sozialdemokraten, Demokraten und Zentrum darüber heute einig sind: Wir besitzen von jetzt an keine angeborenen Klassen mehr, wir sind ein Volk."

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Bei allen Differenzen zwischen den drei Parteien im einzelnen gab es einen Grundkonsens in allen wesentlichen Fragen der demokratischen Neuordnung und der Außenpolitik. Die wichtigsten Punkte, die zunächst in der Nationalversammlung anstanden, waren die Schaffung einer demokratischen Verfassung und der Abschluß eines Friedens mit den bisherigen Kriegsgegnern. Hoffnungsvoll klammerten sich die Politiker der Regierungsmehrheit, voran die Sozialdemokraten, an ihren demokratischen Idealismus wie an den Mast eines Schiffes auf stürmischer, hoher See.

Sie machten sich Illusionen. Hatte nicht die Revolution mit ihren Arbeiter- und Soldatenräten den deutschen Militarismus erst einmal hinweggefegt? Hatte nicht Kaiser Wilhelm II. sein Land verlassen und in Holland eine Zuflucht gesucht? War nicht General Erich Ludendorff ins Ausland geflohen? Waren nicht alle deutschen Monarchen, Konige wie Großherzöge, gestürzt worden? Deutschland war jetzt tatsächlich eines der demokratischsten Länder Europas.

Doch die Annahme, daß man auf dem Boden der Friedensresolution des Reichstags von 1917 jetzt nach dem verlorenen Krieg eine Zusammenarbeit gleichsam unter gleichwertigen Vertragspartnern mit den Siegermächten erreichen könne, ignorierte die eineinhalb Jahre, die seitdem verstrichen waren, nicht zuletzt den Gewaltfrieden von Brest-Litowsk, den Deutschland und die Mittelmächte Rußland im März 1918 aufgezwungen hatten. Das politische Differenzierungsvermögen hatte überall arg gelitten, auch bei den Völkern der Alliierten. Warum sollte Deutschland, das man vier Jahre lang bekämpft hatte, auf einmal eine friedfertige Demokratie sein?

Lediglich der pragmatisch veranlagte Zentrumspolitiker Erzberger hatte früh begonnen umzudenken. Er hatte sich zu dem harten Gang nach Compiegne und zum Abschluß des als demütigend empfundenen Waffenstillstands vom 11. November 1918 bereitgefunden. Geschickt hatte er den Offizieren der Alliierten ausgemalt, was aus Deutschland und Europa werden würde, wenn in Deutschland wie in Rußland der "Bolschewismus" herrsche. Man hatte sich sogar geeinigt, die deutschen Truppen im Baltikum – anders als im Westen – vorerst nicht abzuziehen, um sie als Bollwerk gegen die russische Revolution zu erhalten. Erzbergers Politik als Waffenstillstandskommissar zielte darauf ab, den "Siegerstaaten" eher entgegenzukommen, um sie allmählich in eine Kooperation mit Deutschland hineinzuziehen. Der Zentrumspolitiker blieb in der Regierung Max von Baden, im Rat der Volksbeauftragten und unter der Regierung Scheidemann Staatssekretär, ein Amt, das dem eines Kabinettsministers entsprach. Er wurde praktisch der selbsternannte, nicht der offizielle Außenminister Deutschlands in dieser Übergangszeit und bald die stärkste politische Persönlichkeit des Kabinetts.

Demgegenüber hatten die Sozialdemokraten den parteilosen Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau, einen Berufsdiplomaten, der seit längerem mit einigen SPD-Politikern bekannt war, als Staatssekretär des Auswärtigen in das Kabinett geholt. Brockdorff-Rantzau, gänzlich unerfahren mit dem parlamentarischen Stil der Politik, betrieb genau das Gegenteil der flexiblen, vorsichtig abtastenden Außenpolitik Erzbergers. Er setzte auf die nationale Ehre, was nur zu neuen Spannungen führen konnte. Die beiden Staatssekretäre befehdeten sich offen im Kabinett. Erzberger besaß die Gabe, den Grafen bis zur Weißglut zu reizen. Die Sozialdemokraten schwankten, zeigten sich aber auch für den Dualismus zwischen nationaler Ehre und nationalem Untergang empfänglich. Dies gilt besonders für Scheidemann. Ebert und die Kabinettsmitglieder der SPD, Gustav Noske und Eduard David, neigten zu einer realistischen Außenpolitik. Naumanns DDP, im Frühjahr den harten Friedensbedingungen der Sieger konfrontiert, ließ sich großenteils von der neuen nationalen Woge mitreißen.

Im Vorfeld der Regierungsbildung hatten sich Ende Januar 1919 die SPD-Führer Ebert und Scheidemann zu einer längeren, persönlichen Aussprache getroffen. Beide hatten sich im Parteivorstand seit Jahren die Führungsarbeit geteilt. Ebert war mehr ein Pragmatiker, Praktiker, Organisator, der vorsichtig, aber zielbewußt handelte, nicht besonders redegewandt war, dafür aber überlegt in dem, was er sagte und tat. Scheidemann, der seine politische Karriere als Buchdrucker und Parteijournalist begonnen hatte, galt nach dem Tode des Parteiführers August Bebel 1913 als der sozialdemokratische Cicero des Reichstages: schlagfertig, prinzipienfreudig und mit einer ausgesprochenen Sensibilität für Bewegungen und Stimmungen in der Arbeiterschaft. Demgegenüber war Ebert in der Öffentlichkeit weniger bekannt, hatte aber während des Krieges an politischer Statur und an Vertrauen, auch bei den politischen Gegnern, gewonnen. Er war jetzt unzweideutig die dominierende Figur.

Als Ebert nun vorschlug, er selber wolle das Amt des Reichspräsidenten und Scheidemann solle das des Ministerpräsidenten übernehmen, war Scheidemann, der an eine umgekehrte Lösung gedacht hatte, überrascht. "Es trat, je länger die Unterredung dauerte", schreibt er in seinen Erinnerungen, "immer klarer zutage, daß unsere Anschauungen in der Beurteilung der Aufgaben des Reichspräsidenten weit auseinandergingen. Was Ebert unter diesen Aufgaben verstand, war wirklich nur so zu formulieren: Der Reichspräsident bestimmt die Politik, und der Reichskanzler deckt sie." Der Gang der Dinge im Jahre 1919 zeigte, daß Ebert offensichtlich den größeren Überblick und Weitblick von beiden hatte, ganz abgesehen davon, daß er in der zunehmend turbulenter werdenden Situation mit Abstand das größere Standvermögen hatte. Seine Entscheidung über die Rollenverteilung war vermutlich richtig. Ebert hatte sich übrigens bei den Beratungen über den Verfassungsentwurf dagegen ausgesprochen, den Reichspräsidenten mit zu großen Befugnissen auszustatten.

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Als Regierungschef entwickelte Scheidemann in seinem Kabinett einen kollegialen Führungsstil. Bei zu heftigen persönlichen Auseinandersetzungen wirkte er bewußt beruhigend und ausgleichend. Am meisten gestritten wurde im Kabinett über die Außenpolitik – wie sollte man auf die Friedensvorschläge der Alliierten reagieren? – und die Wirtschaftspolitik: Sollte ein marktwirtschaftlicher Kurs eingeschlagen werden, wie ihn Georg Gothein (DDP) und Robert Schmidt (SPD) befürworteten, oder ein gemeinwirtschaftlicher Kurs, wie ihn Rudolf Wissell (SPD) und sein Unterstaatssekretär Wichard von Moellendorff im Wirtschaftsministerium planten?

Der Ministerialbeamte Arnold Brecht, der damals als junger Regierungsrat in der Reichskanzlei arbeitete, schrieb später in seinen Erinnerungen über die führenden Politiker der Arbeiterbewegung im Reich und in Preußen: "Ich gewann bald große Achtung vor diesen Männern, deren Ernst, Sachlichkeit, Überzeugungstreue und Charakter mich oft geradezu beschämten. Das galt besonders von dem handwerklichen Typus von Sozialdemokraten, wie Ebert selbst ihn vorbildlich repräsentierte oder Severing, Wissell und der ehemalige Buchdrucker Otto Braun."

Scheidemann, geboren 1865, entstammte hessischen Handwerker- und Bürgerfamilien. Der Vater war ein angesehener Tapezierer und Polsterer in der Kasseler Altstadt, der seinen Sohn auf die höhere Bürgerschule schickte (nur wenige Schritte daneben lag das Gymnasium, wo damals die beiden Königskinder, die Hohenzollernprinzen Wilhelm und Heinrich, erzogen wurden). Nach dem frühen Tod des Vaters geriet die Familie in Armut. Mit 14 Jahren mußte Philipp eine Setzerlehre antreten. Seine Lehrjahre waren "schlimme Hungerjahre".

Der junge, bildungsbeflissene Geselle – er lernte sogar, Griechisch zu lesen – schloß sich den Sozialdemokraten an. 1894 trat er in die Redaktion eines SPD-Wochenblatts in Gießen ein ("Ich war Redakteur, Expedient, Arbeiter und Parteisekretär, Inseratensammler und Einkassierer"). Nach zehn Jahren Journalismus kam Scheidemann 1903 in den Reichstag. Durch seine Parlamentsreden wurde er bekannt als wortgewaltiger Kritiker der anachronistischen Verfassungszustände und der Außen- und Rüstungspolitik des Kaiserreichs. Er zählte zur linken Mitte der Sozialdemokratie, mit unverkennbar preußischen (auf hessisch abgemilderten) und bürgerlichen Prägungen.

Seine Regierung verfolgte denn auch keine revolutionären Ziele, sondern knüpfte an die Kontinuität der früheren kaiserlichen Regierungen an. In seinem Mißtrauen gegen die radikale Linke trug das Kabinett Scheidemann einen fast schon konservativen Charakter. Es stützte sich auf die Instrumente von Militär und Bürokratie. Während der Regierungszeit Scheidemanns wurde der Abbau der Arbeiter- und Soldatenräte eingeleitet. Fragen der neuen Verfassung wurden im Kabinett kaum behandelt. Die Regierungsmeinung zu Verfassungsfragen vertrat der Staatssekretär des Innern, Hugo Preuß (DDP), in den Ausschüssen und im Plenum der Nationalversammlung.

In seinen Erinnerungen gibt Scheidemann nur wenige Einzelheiten aus seiner Regierungszeit wieder. Die persönlichen Diffamierungen, die von der extremen Linken ausgingen, trafen ihn vielleicht mehr, als er sich eingestand. Am meisten beunruhigten ihn die politischen Aufstände und wilden Streiks der Kommunisten.

Scheidemann regierte überall umgeben von einer politischen Reizatmosphäre: im Kabinett, im Lande selbst und, wenn man die Verhandlungen in Versailles mit einbezieht, auch noch außerhalb des Reichs. Es war ein Regieren unter Umständen, die sich die Sozialdemokraten nicht gerade erträumt hatten. Besonders erschütterte Scheidemann die Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner, den er seit über zwanzig Jahren kannte, am 21. Februar 1919 in München. Dieses Ereignis veranlaßte ihn zu einer flammenden Rede vor der Nationalversammlung gegen den politischen Mord.

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Die Spannungen innerhalb des Kabinetts spitzten sich zu, nachdem am 7. Mai in Versailles der deutschen, von Brockdorff-Rantzau geleiteten Delegation die harten Bedingungen des künftigen Friedens übergeben worden waren. Erzberger wünschte ein längerfristiges Arrangement mit den bisherigen Kriegsgegnern. Er hatte den größeren Überblick und rechnete damit, daß später gangbarere Lösungen erreicht würden. Der überempfindliche Brockdorff-Rantzau dagegen war nur auf die Verteidigung der aktuellen deutschen Position bedacht, unfähig, sich in die Psychologie der Siegermächte hineinzudenken. Rückhalt gab ihm seine Vertrauensstellung bei Scheidemann.

Auch der Regierungschef machte sich kaum Gedanken über die innenpolitischen Mechanismen und parteipolitischen Konstellationen in den anderen Ländern. Noch in seinen Erinnerungen spricht er von dem "Versailler Diktat" und nennt die Friedensbedingungen "das infamste Machwerk, das blinder Haß und sinnlose Wut jemals produziert haben". Man habe doch, so seine nachträgliche Reflexion, alles erbracht, was den Forderungen des amerikanischen Präsidenten Wilson entsprochen habe. Wie habe man aber dann dem demokratischen Deutschland 1919 Bedingungen anbieten können, die so abgefaßt waren, als hätten sich die innenpolitischen Verhältnisse seit der Abdankung des Kaisers, der Revolution und den Wahlen zur Nationalversammlung nicht grundlegend geändert. Wo bleibe da die internationale Solidarität der Demokraten?

Die schwache Stunde des Kabinetts kam am 8. Mai. Ebert selber leitete die Sitzung. Alle Kabinettsmitglieder, so vermerkt das Protokoll, erklärten, daß die Friedensbedingungen ihre "schlimmsten Erwartungen weit übertroffen" hätten. Sie seien psychisch wie wirtschaftlich unerträglich, könnten niemals die Grundlage für einen dauerhaften Frieden bilden, und die auferlegten Verpflichtungen seien "infolge der territorialen und wirtschaftlichen Knebelung" unerfüllbar. Man beschloß, durch Verhandlungen Änderungen und günstigere Bedingungen zu erreichen. Am Schluß dieser Sitzung forderte das Kabinett die deutschen Bundesstaaten auf, "für die Dauer mindestens einer Woche öffentliche Lustbarkeiten zu untersagen und den Theatern nur die Aufführung ernster Stücke zu gestatten, um die Stimmung der Bevölkerung nicht zu verletzen".

Für Montag, den 12. Mai 1919, war eine Sondersitzung der Nationalversammlung in die Aula der Berliner Universität einberufen worden, auf der alle Fraktionen – außer den Unabhängigen (USPD) – ihr "unannehmbar" zu den Friedensbedingungen formulieren wollten. Zuvor ging es im Kabinett erregt zu, als die Kabinettsmitglieder der DDP Scheidemann darauf festnageln wollten, das Wort "unannehmbar" in seiner Rede auszusprechen und damit die künftige deutsche Politik unzweideutig festzulegen. Erzberger wehrte ab. Der Ministerpräsident werde zwar, wenn er das Wort "unannehmbar" ausspreche, "einen gewaltigen Tageserfolg" erzielen. "Die Regierung aber habe daran zu denken", so das Protokoll, "was in crei bis vier Wochen erfolge; darum sei es unmöglich, heute ‚unannehmbar‘ zu sagen. Die Worte ,unerträglich‘ und ‚undurchführbar‘ seien stark genug." Schließlich beschloß das Kabinett coch noch einstimmig das "Unannehmbar", weil man sich einredete, daß die Formulierung nur für den jetzigen Vertragstext gelte, die Aussage also bei möglichen Abänderungen hinfällig werde.

Am Nachmittag fand Scheidemann vor der Nationalversammlung – selbst für das Pathos seines üblichen Redestils – ungewöhnlich kräftige Worte: "Wir gehören zusammen! Wir müssen beieinander bleiben. Wir sind ein Fleisch und Blut, und wer uns zu trennen versucht, der schneidet mit mörderischem Messer in den lebendigen Leib des deutschen Volkes. Unser Volk am Leben zu erhalten, das ist unsere höchste Pflicht." Schließlich fiel jene Wendung, mit der er sich seiner eigenen künftigen Entscheidungsfreiheit beraubte, als er sagte: "Welche Hand müßte nicht verdorren, die sich und uns in diese Fesseln legt?" Die vom Kabinett beschlossene Formulierung: "Der Vertrag ist nach Auffassung der Reichsregierung unannehmbar" löste stürmische Ovationen aus. Es war das letzte Mal, daß Scheidemann den ungeteilten, begeisterten Beifall der Nationalversammlung erhielt. Bei der nächsten Zusammenkunft der Nationalversammlung war sein Kabinett bereits durch das Kabinett des Sozialdemokraten Gustav Bauer abgelöst.

Scheidemann spürte bald, daß er möglicherweise zu weit gegangen war. "Erschüttert wurde ich in meinem Glauben an die unbedingte Festigkeit der Männer im Reichskabinett, als ich bemerkte, daß Erzberger sich anders eingestellt hatte und nun Tag für Tag bei Ebert bohrte." Zur Klärung entwarf Erzberger eine Denkschrift über die Folgen einer Annahme oder Ablehnung des Vertrags, über die am 3. und 4. Juni im Kabinett beraten wurde. Seitdem war man sich darüber im klaren, daß bei einer Ablehnung die Einheit des Reichs auf dem Spiel stand und Deutschland bei einer Wiederaufnahme der Kriegshandlungen nicht nur vollständig besetzt, sondern außerdem in einen Bürgerkrieg hineingezogen würde. Generäle und Junker in den östlichen Provinzen planten sogar die Loslösung vom Reich.

Nach der Kabinettssitzung notierte Scheidemann in seinem Tagebuch: "Ich bin wie an allen Gliedern geschlagen. Vermag ich vielleicht die ganze Furchtbarkeit der Situation, in die unser Volk kommen kann, wenn wir Nein sagen, nicht zu überschauen? Sind Erzberger, Noske und David politisch so viel klüger und weitsichtiger als ich? Aber, wenn es schon sein muß, was ich auch jetzt nach der Aussprache im Kabinett, an der auch Ebert und die Preußen (die preußische Regierung – DZ) teilnahmen, bestreite, und zwar leidenschaftlich bestreite, müssen wir Ja sagen, wir, de wir im Kabinett sitzen und vor aller Welt schon Nein gesagt haben?" Vor aller Welt? Darum ging es vielleicht am wenigsten.

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Am 17. Juni kehrte die deutsche Delegation aus Versailles mit den endgültigen Bedingungen zurück. Man hatte lediglich leichte Modifikationen im bisherigen Text erreicht, so daß in Oberschlesien eine Volksabstimmung stattfinden werde und die Provinz nicht von vornherein zu Polen geschlagen würde. Die Situation schien unlösbar, und das Kabinett war gespalten. Am entschiedensten sprachen die DDP-Mitglieder und Brockdorff-Rantzau gegen die Annahme. Kabinettsprotckolle über diese Sitzung existieren nicht. Scheidemann erinnert sich: "Im Kabinett wurde um das Ja oder Nein gekämpft bis nachts um 3 Uhr. Es war wirklich ausgeschlossen, daß einer den anderen hätte überzeugen können. Mit Landsberg (SPD), dem Grafen Brockdorff-Rantzau und den demokratischen Kabinettsmitgliedern war ich vollkommen einig. Wozu die fortgesetzte Silbenstecherei, bei der nichts mehr herauskommen konnte, noch länger fortsetzen? Ich machte dem grausamen Spiel ein Ende, indem ich Ebert aufsuchte und demissionierte."

An der Abstimmung in der Nationalversammlung über den Vertrag am 22. Juni, der mit den Stimmen der SPD und des Zentrums angenommen wurde (237 Ja, 138 Nein, 5 Enthaltungen), nahm Scheidemann nicht mehr teil.

Der 54jährige Ministerpräsident a.D. fuhr mit Zustimmung seiner Fraktion zur Erholung in die Schweiz. Regierungsämter hat er seitdem nicht mehr übernommen. Seine Heimatstadt Kassel wählte ihn zum Oberbürgermeister. Im Reichstag, dem er bis 1933 angehörte, enthüllte er die geheime Aufrüstung der Reichswehr, deren heimliche Zusammenarbeit mit der Roten Armee und unterstützte Stresemanns Außenpolitik der Verständigung mit Frankreich.

Während eines Spaziergangs im Habichtswald nahe Kassel wurde Scheidemann 1922 von jungen, rechtsradikalen Fanatikern überfallen und mit Blausäure bespritzt – er überlebte das Attentat und erwirkte später eine Begnadigung der Täter. Wie die extreme nationale Rechte haben auch die Nationalsozialisten Scheidemann als "Novemberverbrecher" und "Erfüllungspolitiker" stilisiert. 1933 ging er in die Emigration, wo er zunächst von Land zu Land zog. Die deutsche Staatsbürgerschaft wurde ihm aberkannt. Er starb 1939 in Kopenhagen an Magenkrebs. Die Erinnerung an ihn verblaßte. Es gibt bis heute keine Biographie über diesen Politiker, der schon vor 1914 die Sozialdemokratie eher als demokratische Partei, weniger als proletarische Klassenpartei verstand. Selbst heutige SPD-Mitglieder wissen außer der Tatsache, daß Scheidemann am 9. November 1918 die Republik ausrief, nicht viel von ihm. Doch es lohnt sich, an ihn zu erinnern, gerade weil in seiner Biographie Wege und Irrwege der deutschen Politik des 20. Jahrhunderts sichtbar werden.

Wilhelm Ribhegge lehrt deutsche und europäische Geschichte an der Universität Münster und ist Autor des Buches "Frieden für Europa Die Politik der deutschen Reichstagsmehrheit 1917/18" (Hobbing, Essen 1988).