Von Robert Leicht

Kein Revisor hätte sich einen aufgeräumteren Arbeitsplatz vorstellen können. Dieses Ambiente hatte alle Veränderungen und Verschiebungen innerhalb des ehrwürdigen Gebäudes an der Sendlinger Straße in München überstanden: ein billiger, hölzerner Büroschreibtisch, der ebensogut aus den letzten Tagen der Weimarer wie aus den ersten Jahren der Bonner Republik hätte stammen können, Mal um Mal frisch vom Benutzer eigenhändig mit grünem Filz bezogen, makellos straff ohne Andeutung von Falten; dazu passend der wandhohe Rollschrank mit beängstigend regelmäßiger Gefacheinteilung; nebendran eine altertümliche Registrierkasse, in der das tägliche Zehrgeld vor unbefugtem Zugriff verborgen blieb. Post, Zeitungen und sonstige Papiere – alles streng symmetrisch geordnet.

Doch an diesem geradezu nach Ärmelschonern verlangenden Arbeitsplatz saß nie ein phantasieberaubter Bürokrat. Statt dessen wurde hier jene einzigartige journalistische Form gepflegt, die die Süddeutsche Zeitung von allen anderen Zeitungen abhebt: das Streiflicht die oft virtuose Leitglosse, die täglich auf der Seite 1 des Blattes ein Gegengewicht zu den Aufregungen und Ritualen des Weltgeschehens bildet. Der schroffe Gegensatz zwischen dem pedantischen Ambiente und dem Anspruch auf frei schweifenden Geist und Witz wirkt symbolisch. Alle Autoren dieses täglich zu liefernden Schmuckstücks müssen sich nämlich hinter dem anonymen Kollektivkürzel (SZ) verbergen. In etwas mehr als 42 Jahren sind weit mehr als 13 000 Streiflichter erschienen.

An diesem Freitag feiert die Münchner Redaktion den Kollegen Fred Hepp, der seit 1955 an jenem filzbeschlagenen Schreibtisch saß. Sein 2000. Streiflicht ist ein Stück Zeitungsgeschichte. In einer Zeit, in der manch jüngerer Kollege selbst noch die aus dem Polizeibericht abgekupferte einspaltige Meldung mit seinem Zeichen oder gar mit seinem vollen Namen unterfertigt, ragt die kollegiale Gesamtleistung und das persönliche Œuvre von Fred Hepp wie ein Anachronismus an Entsagung aus dem Jahrmarkt journalistischer Eitelkeiten hervor.

Oft genug hatte der Kreis der Streiflicht-Autoren – neben dem harten Kern von fünf bis sieben regelmäßigen Schreibern, den "Klassikern", beteiligen sich im Jahresmittel ungefähr dreißig Redakteure an diesem kunstvollen Geschäft – eine Diskussion darüber anzuzetteln versucht, ob es nicht endlich an der Zeit sei, die Anonymität zu lüften. Noch jedes Mal waren die Kollegen gescheitert – nicht nur an der Chefredaktion, sondern auch an der Tradition.

Dabei gab es nie ein technisch zwingendes Argument für diesen strikten Brauch. Das Streiflicht, so hieß es jedes Mal zum Beginn solcher Erörterungen, gehe doch aus der anregenden Diskussion der Redaktionskonferenz hervor, sei also das Ergebnis eines/ kollektiven Denkprozesses. Ach, stöhnten da die "Klassiker", das gelte doch erst recht für den namentlich gezeichneten Leitartikel, der nun wirklich in etwa die Meinung der Redaktion zu einem politischen Thema präsentieren soll, wogegen das Streiflicht nicht durch die ausdiskutierten Ansichten geprägt werde, sondern durch den eigenen Einfall und persönlichen Stil des Autors.

Früher vielleicht, da sei das Streiflicht eine Art kleiner Leitartikel gewesen, ohne besondere formale Ansprüche, aber seit den sechziger Jahren, habe sich nach und nach das Gewicht von der Sache auf den Stil verlagert, sei das Artifizielle vor die Ansichtssache getreten.