Von Paul Moor

Vor 38 Jahren erschien unter der Überschrift „Auf Arbeitssuche in der sowjetischen Zone“ diese Meldung in der Londoner Times auf Seite drei:

Berlin 12. Juni

Mr. John Peet, Berlin-Korrespondent von Reuter, erklärte heute in einer Pressekonferenz im sowjetischen Sektor, er sei „nicht länger willens, für Kriegstreiber zu arbeiten“, und ersuchte die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik um eine Aufenthaltserlaubnis für Ostdeutschland. Die Konferenz fand im ostdeutschen Informationsamt statt.

Mr. Peet... sagte, als westlicher Journalist und Reuters leitender Berichterstatter für Berlin sei er automatisch und unfreiwillig „ein Instrument der amerikanischen Kriegsmaschinerie“ geworden. Dieses sei heutzutage das traurige und entwürdigende Schicksal der meisten westlichen Journalisten ... Als englischer Patriot, Demokrat und Friedensfreund könne er so nicht mehr weiterarbeiten.

Seine Erklärung enthielt die bekannten kommunistischen Vorwürfe gegen die Westmächte. Er behauptete, die westdeutsche Wiederbewaffnung sei, obwohl nicht offiziell zugegeben, in vollem Gange, und die Westmächte hätten Westdeutschland ausdrücklich erlaubt, Gewehre und Giftgas herzustellen...

Er habe gehofft, mit seiner Berichterstattung seit 1945, als Reuter-Korrespondent in Wien, Warschau und Berlin, zum Frieden in Europa und in der Welt beizutragen... Er behauptete, daß seine ungefärbten Berichte über Entwicklungen in der Deutschen Demokratischen Republik nie erschienen sind.

Der 34jährige lebt seit etwa zwei Jahren in Berlin. Er sagt, er sei in London geboren und habe vor 13 Jahren als „einfacher britischer Demokrat“ der Internationalen Brigade in Spanien angehört. Er erklärte außerdem, daß er nicht Mitglied der Kommunistischen Partei sei. Er hoffe, nun in Ostdeutschland Arbeit zu finden.“

Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time berichtete diese Details über John Peet:

„... schüchtern, mager wie eine Vogelscheuche, ... mit einer merkwürdigen Lebensgeschichte: Soldat in der britischen Edeltruppe Brigade of Guards Englischlehrer in Prag, Soldat im spanischen Bürgerkrieg bei der internationalen Brigade, Polizist in Palästina ... Einige Leute halten John Peet für einen verklemmten, unglücklichen Menschen, andere finden ihn geistreich, gut informiert und liebenswürdig. Alliierte Beamte in Berlin hatten ihn insgeheim als Kommunisten oder jedenfalls als Mitläufer eingestuft, der dem ostdeutschen Regime gelegentlich Informationen im Gegenzug für interessante Nachrichten zukommen ließ; aber seine Vorgesetzten bei Reuter betrachteten Peet als einen eher unpolitischen Mann, der zuverlässig berichtete ...“

Als John Peet im vergangenen Jahr am 29. Juni 72jährig in Ost-Berlin gestorben war, schrieb W. L. Webb am Ende seines langen Nachrufs im Guardian „Selbst diejenigen, die ihn gut kannten ..., können kaum ermessen, welche Nachteile er für seine Donquichotterien hatte in Kauf nehmen müssen, doch ich habe niemanden getroffen, der nicht davon überzeugt gewesen wäre, daß Peet auf seine Art ein zuverlässiger Mensch gewesen ist.“

Ich habe John Peet während der letzten 36 Jahre seines Lebens gekannt; aber erst nachdem er erfahren hatte, daß er unheilbar an Darmkrebs erkrankt war, überraschte er mich mit einer unerwarteten Zutraulichkeit.

Ich kam etwa zwei Jahre nach Peets sensationeller Presseerklärung nach Berlin. Inzwischen hatte er damit begonnen, seinen 14tägig erscheinenden, achtseitigen Democratic German Report herauszugeben. Das Blatt unterschied sich angenehm von all den anderen Publikationen im Sowjetblock. Im Impressum der kleinen Zeitung stand seine Adresse in der Friedrichstraße; dort tat ich ihn drei oder vier Stockwerke hoch in seinem schlichten Büro auf und stellte mich vor. Er bat mich höflich, Platz zu nehmen, und gab mir seine persönliche Einführung in die DDR.

Sein Vortrag war betont korrekt, von gelegentlichen, leicht ironischen Bemerkungen abgesehen. Mit einem entwaffnenden Lächeln flocht er eine dieser charmanten Sottisen ein, als er die nicht immer zarten Methoden der DDR-Politik zu rechtfertigen versuchte: „Man kann kein Omlett zubereiten, ohne Eier zu zerbrechen“, ein angeblich von Lenin stammender Aphorismus – in Wahrheit aber ein französisches Sprichwort.

Drei Jahre später zog ich nach West-Berlin, wo ich für ein Vierteljahrhundert blieb. Ab und zu begegnete ich John. Sein Büro war mittlerweile ein Treffpunkt für angelsächsische Journalisten, die Berlin besuchten. Er war zu einer Institution geworden.

Einmal bat mich ein amerikanischer Filmemacher um Hilfe bei seinen Recherchen; ich schickte ihn zu John und seiner aus Bulgarien stammenden Frau Georgia, vor allem zu ihr. Diese bewundernswerte, außergewöhnliche Frau war Häftling in den Frauen-Konzentrationslagern von Auschwitz und Ravensbrück gewesen. Als sowjetische Truppen Ravensbrück befreiten, hatte niemand von ihrer Familie oder ihren Freunden überlebt. So begleitete Georgia die Rote Armee nach Berlin, wo sie sich ihren Unterhalt als Dolmetscherin und Übersetzerin verdiente.

Bevor mein Filmemacher-Freund die Stadt wieder verließ, lud er die Peets und mich zum Dinner im Kempinski-Grill ein. Beim exquisiten Essen und erlesenen Wein hörte ich zum erstenmal in all den Jahren unserer Freundschaft Georgia über ihre schreckliche KZ-Zeit erzählen. Sie mußte jeden Morgen die Leichen der während der Nacht Verstorbenen einsammeln und jedem mit einem wasserfesten Stift eine Nummer auf die Brust schreiben; diese Nummer hatte sie auch in eine Liste für die Lagerbürokratie der SS einzutragen.

In jenen Berliner Jahren wahrte John höfliche Distanz zu mir. Ich versuchte, ihn davon zu überzeugen, daß jeder, der freiwillig in Spanien gegen Franco, Hitler und Mussolini gekämpft hat, von vornherein eine Menge Vertrauen bei mir genoß. Doch Johns Verhalten hatte mir eine große Tragik im menschlichen Dasein deutlich gemacht: Jeder, wirklich jeder, hat seine Gründe.

In den 29 Jahren, ehe ich 1981 Berlin und Europa verließ, waren wir häufig zusammen, doch hat es nur zwei, keineswegs folgenreiche Ereignisse gegeben, die mir das Gefühl gaben, daß er sich in eine Selbsttäuschung verstrickt hatte. Den ersten Anlaß hatte John Scott herbeigeführt, ein Berliner Nachkriegskorrespondent von Time. Scott hatte mir erzählt, daß Peet ihm anvertraut habe, Mitglied der britischen KP zu sein. Als ich Peet darauf ansprach, leugnete er, dies jemals zu Scott gesagt zu haben. Beide galten als ehrlich und zuverlässig – wer hatte die Wahrheit gesagt?

Viele Jahre später besuchte mich Peet in meinem Büro; im selben Haus befinden sich Reuter, die New York Times, BBC, UPI und dpa, weshalb John hier öfters hereinschaute. Er erzählte mir, Georgia und er wollten nach Spanien reisen; für seine Frau sei es das erste Mal, und er sei seit dem Bürgerkrieg auch nicht mehr dort gewesen.

Ich fragte ihn, welche Gegenden Spaniens er damals kennengelernt habe. John reagierte in einer Weise, wie ich sie nur einmal bei ihm erlebt hatte: Sein Gesicht und seine Stimme verrieten höchstes Mißtrauen. „Warum willst du das wissen?“ fragte er in scharfem Ton und lenkte die Unterhaltung in eine andere Richtung; meine Frage blieb unbeantwortet. Nachdem er gegangen war, sann ich darüber nach – und kam, wie sich später herausstellen sollte, zum richtigen Schluß.

Im Laufe der Zeit hatten viele von uns in West-Berlin den Eindruck, daß in Johns Augen so mancher revolutionäre Stern verblaßt war. Selten ließ er in seinem Informationsblatt eine Gelegenheit aus, mit Reformplänen, die irgendwo in Ländern des Warschauer Pakts ruchbar wurden, offen zu sympathisieren. Ich erinnere mich an eine Art öffentliche Konferenz im Haus der Staatsoper, bei der John mit etwa dieser Erklärung Gerhard Eisler in Harnisch brachte: „Wenn die sozialistischen Medien so gut wären, wie sie sein könnten und mußten, hätte in diesem Land niemand den Wunsch, sich die Nachrichten aus dem Westen anzuhören!“

Kein Wunder, daß Johns Ostberliner Vorgesetzte bei solchen Sprüchen nervös wurden. Ausgerechnet ein Artikel von mir setzte ihrer Nachsicht ein Ende. Als John meinen Artikel – aus der International Herald Tribune – abgedruckt hatte, maßte er sein Blatt auf höheren Befehl einstellen. Danach arbeitete er bis zu seinem Tod an einer Übersetzung des Marx-Engels-Briefwechsels für einen englischen Verlag; er nannte dies seine „Altersversorgung“.

Zuletzt sah ich John bei einem Berlin-Besuch im Jahre 1985. Ich erzählte ihm von den Schwierigkeiten einer befreundeten Psychiaterin, die sich nach Westdeutschland abgesetzt hatte. Sie war dort zwar in einer Klinik untergekommen, doch es würde ihre neue Existenz erheblich erleichtern, wenn sie aus Ost-Berlin ihr Diplom und ihre Approbation herausbekommen könnte. John erklärte sich spontan bereit, die Dokumente bei seinem nächsten Besuch im Westteil der Stadt mitzubringen – und tat dies auch.

Der Rowohlt-Verlag hatte 1973 mein Buch „Die Freiheit zum Tode: Euthanasie und Ethik“ herausgebracht; soviel ich weiß, war es das erste, das für die freiwillige Euthanasie plädierte. Die Presseabteilung des Verlags bat mich um eine Adressenliste. Auf diese Weise kam mein Buch in die Hände von Georgia und John Peet; just das führte – fünfzehn Jahre später, Anfang 1988 – zu einer völlig unerwarteten Intensivierung der Beziehung zwischen John und mir.

Er schrieb mir voller Erregung und Angst nach San Franzisko, daß sein Arzt bei ihm Krebs diagnostiziert hatte. Vor allem ging es ihm darum, nicht solche Todesqualen wie meine Schwester erleiden zu müssen, die ich in dem Buch beschrieben hatte. Trotz Luftpost erreichte mich Johns Brief mit einer Verspätung von fast einem Monat. Sein Inhalt veranlaßte mich, ihn sofort in Ost-Berlin anzurufen. Es überraschte, rührte und entwaffnete ihn. Danach entspann sich eine lebhafte Korrespondenz. Ich empfahl ihm einen Arzt, der ihm notfalls helfen würde. Zweifellos trug die sichere Entfernung dazu bei, daß er mich in diesem Briefwechsel als eine Art Beichtvater benutzte.

Bei unserem Ferngespräch hatte ich John gefragt, was aus seiner Autobiographie geworden sei, mit der er schon begonnen hatte, bevor ich Berlin verließ. Er sagte, er habe keinen Verleger finden können; da ich Interesse bekundet hatte, schickte er mir sein Manuskript. Ich muß gestehen, daß ich es enttäuschend fand. Übrigens schrieb er darin, daß er als geborener Quäker mit hohen sozialen Idealen in jungen Jahren tatsächlich in die Kommunistische Partei eingetreten war.

Da seine Memoiren ohnehin zur Veröffentlichung vorgesehen waren, begehe ich keinen Vertrauensbruch, wenn ich daraus zitiere: „Es begann in Spanien“, schrieb er, „im Oktober 1938“ in einem entlegenen katalonischen Dorf. Eines Tages „steckte ein Kamerad seinen Kopf in die Tür der Eataillons-Schreibstube... ich würde dringend gebraucht, sagte er. Es klang geheimnisvoll.

In einer armselig möblierten Bauernkate wartete ein untersetzter Mann mittleren Alters auf mich. Er trug eine Khaki-Uniform, jedoch ohne Rangabzeichen. In fließendem Deutsch, allerdings mit starkem Akzent, befragte er mich über meinen Werdegang, meine politischen Ambitionen und vieles andere. Danach ließ er sich in einer langen umständlichen Rede darüber aus, daß die weltweite Volksfront die einzig wirksame Kraft gegen Faschismus und Reaktion wäre, und wie lebenswichtig es sei, daß diese Volksfront über die politischen und militärischen Entwicklungen in allen Ländern genauestens informiert werde, auch über die geheimen. Hier endlich wurde mir klar, worauf er hinaus wollte.

Sodann fragte er mich, ob ich ihm auch gut zugehört und ihn verstanden hätte. Ich antwortete: ‚Wenn ich Sie richtig verstanden habe, fragen Sie mich, ob ich ein sowjetischer Spion werden will .. .‘ Ich hatte mich sofort entschieden. Monatelang hatte ich mit Karabiner und Maschinengewehr gegen den Faschismus gekämpft. Spionage für die Sowjetunion, die einzige Macht, die der spanischen Republik effektiv geholfen hatte, die einzig wirkliche antifaschistische Bastion, das war nur eine Fortsetzung des Kampfes mit anderen Mitteln.“

Peet kehrte mit einem geheimen Losungswort nach Großbritannien zurück. Doch erst zehn Monate nach seiner Rekrutierung, „als Europa am Rand des Krieges stand“, meldete sich bei ihm ein anonymer Anrufer, um ein Treffen zu vereinbaren. Als sich Peet beschweren wollte, wurde der Mann ärgerlich: „Das verstößt gegen alle Regeln, aber mögen Sie spanische Uhren?“

Peet ging zu dem Treffen. „Ein ganz normaler Engländer“, Mittelschicht, im „Tweed, mit einem Schnauzbart und Pfeife“ gab ihm die ersten elementaren Instruktionen, „wie man Busse und U-Bahnen wechselt, um mögliche Verfolger abzuschütteln, über tote Briefkästen, über scheinbar harmlose Mitteilungen auf Ansichtskarten“. Der Mann riet Peet dringend, sich aus taktischen Gründen einen Job zu suchen. Peet tat dies – bei der palästinensischen Polizei! – und erhielt ein neues geheimes Erkennungszeichen.

„Der nächste Kontakt kam erst vierzehn Jahre später zustande ... Anfang 1954“ – bezeichnenderweise fast vier Jahre nach seinem Übertritt zum Osten – „meldete sich ein Sowjetbürger, der in Ost-Berlin einen losen Kontakt zur Presse unterhielt, plötzlich mit meinem Erkennungszeichen ... und arrangierte einen Treff mit einem höheren Beamten. Ich fand diesen wiederaufgenommenen Kontakt ziemlich lästig ... ließ mir aber nichts anmerken... Zu dieser Zeit war ich schon nicht mehr völlig überzeugt davon, daß die Sowjetunion immer das Beste im Sinn hatte ...

In den darauffolgenden Wochen meldete sich ein untergeordneter Agent mit haarsträubenden Ansinnen, die ich allesamt ablehnte.“ Das erste bezog sich auf einen westlichen Korrespondenten, den John kannte, und John sagte nein.

„Der Vorschlag in der Woche danach war viel schlimmer: Eine Entführung. Als englischer Offizier verkleidet sollte ich zusammen mit zwei angeblich englischen Sergeanten in den britischen Sektor fahren, um dort einen Deutschen zu verhaften, der im Verdacht stand, Spionage in der DDR betrieben zu haben. Das kam für mich nicht in Frage... Ich konnte – in Grenzen – Informationen darüber bekommen, was Journalisten über Pläne der Alliierten wußten oder zu wissen glaubten. Ich trug nur weiter, was so in den Kreisen Westberliner Journalisten geredet wurde – das hätte der sowjetische Geheimdienst einfacher haben können, wenn russischen Journalisten mehr Freiheiten im Umgang mit ihren westlichen Kollegen eingeräumt worden wären.“

Sein „Kontaktmann“ schickte ihn zu einer „erstrangigen Genfer Konferenz über den Fernen Osten“ im April 1954, wo John nach vielen Jahren wieder einmal Gelegenheit hatte, mit Persönlichkeiten wie John Foster Dulles und Chou En Lai in Kontakt zu kommen. Dort „fand ich mich plötzlich mit der Gegenseite konfrontiert. Ein amerikanischer Journalist (einer von Johns früheren Angestellten), der offenbar für den CIA arbeitete, nahm mich beiseite: Er habe erfahren, daß ich mit dem Leben in der DDR unzufrieden sei und gerne heraus wolle. Er sei autorisiert, mir 20 000 Dollar in bar auszuhändigen, sobald ich diesen Schritt getan habe. Ich bedankte mich höflich für die Information, wieviel ich auf dem freien Markt wert sei, und ging.“

Der nächste Auftrag, „ein neuer Plan, ein Langzeit-Plan“, hatte mit weiblichen Angestellten der UN-Institutionen in Genf zu tun. „Ich fiel dem Mann ins Wort und erklärte, daß die Verführung potentieller Spioninnen nicht meine Sache sei und eilte zurück nach Berlin, um mich wieder meinem normalen PR-Job zu widmen. Beim nächsten Treff in Berlin sagte ich zu dem Agenten, ich sähe für mich in einer weiteren Zusammenarbeit keine Zukunft mehr. Er machte einen eher schwachen Versuch, mich umzustimmen, meinte dann aber, er wolle das mit seinem Vorgesetzten besprechen. Ein paar Tage darauf, ein kurzer Anruf: ‚Keine weiteren Treffs mehr.‘

Eine geraume Zeit lang war ich auf eine erneute Kontaktaufnahme gefaßt. Doch während ich dies schreibe, nach 34 Jahren, habe ich längst aufgehört, diesen Anruf zu erwarten. Sollte er kommen, würde ich kurz antworten ‚Sie haben sich verwählt‘ und auflegen.“

Der letzte Brief von John, geschrieben achtzehn Tage vor seinem Tod, verblüffte mich vor allem deswegen, weil er sich mir darin weitgehend öffnete und dies doch nach verhältnismäßig kurzer Zeit: „Ein offenbarender Gedanke, den ich jetzt lieber mit Dir als mit irgendwem sonst teilen möchte. Es ist kein Gedanke, der mich Tag und Nacht plagt, aber er tut es hin und wieder.

Wie Du wahrscheinlich weißt, hat in Spanien eine Einheit desselben Geheimdienstes, der mich ausgesucht hatte, einen Mann für einen richtigen Job angeheuert. Er war Offizier in der republikanischen Armee – ein Spanier. Ich könnte Dir alle Details geben, aber es ist mir zu anstrengend, sie hervorzukramen. Mit den Papieren eines – vermutlich gefallenen – Angehörigen der Internationalen Brigade schlich er sich in die Trot.-Kreise ein (Trot. ist offensichtlich die zur Tarnung vor der ostdeutschen Briefzensur benutzte Abkürzung für Trotzki). Danach machte er sich in Mexiko an die Arbeit mit seinem kleinen Eispickel. Und nun zu meiner Beunruhigung, zu der hypothetischen Frage: Wäre mir ein solcher Auftrag erteilt worden, hätte ich ihn wohl angenommen, ich, der sich wie Millionen andere dem Kampf verschrieben hatte, an ihn glaubte? Manchmal, mitten in der Nacht, überkommt mich der furchtbare Gedanke, daß ich es getan haben würde.“ Seine letzten Worte vor seiner Unterschrift in diesem Brief: „Ich umarme Dich.“

Etwa zehn Jahre davor war Daniel Lang, einer der begabtesten Reporter des New Yorker nach Berlin gekommen, um eine Geschichte zu recherchieren. Als er Unterstützung in Ost-Berlin brauchte, schickte ich ihn zu John Peet. Er erzählte Dan von seinen angefangenen Memoiren, und Dan schlug den Titel vor, für den sich John dann auch entschied: The Long Engagement.

Ich finde Johns ursprünglichen Titel viel besser. Wo hat es schon einmal fünf Wörter gegeben, die so prägnant ein ganzes Menschenleben umreißen? John Peet hatte seiner Autobiographie den Titel geben wollen: „Aber wo ist das Omlett?“

Übersetzung: Thomas von Randow