Von Matthias von Hellfeld

Seit bald drei Jahren reist die 66jährige Klara Nowak durch die Bundesrepublik und macht etwas publik, was viele Menschen längst verdringt haben oder was ihnen tatsächlich unbekannt ist. Eine halbe Million Männer, Frauen und Kinder wurden zwischen 1933 und 1945 von NS-Rissehygienikern zwangssterilisiert. Klara Nowak ist eines der Opfer, von denen noch etwa 80 000 leben. Sie gehört dem „Bund der Euthanasiegesciädigten und Zwangssterilisierten“ an.

Als elfjähriges Kind nimmt Klara Nowak die politischen Umwälzungen in ihrer Heimatstadt Berlin kaum wahr. Allerdings hat ihr Vater nach sieben Jahren wieder Arbeit. Der Familie geht es wirtschaftlich etwas besser, ihr Vater wird Parteigenosse der braunen Herren – kommt mit Hitler nicht der große Aufschwung? Dann die Olympischen Spiele, in Berlin ist alles auf den Beinen, Klaras Brüder haben Freikarten. Sie reihen sich ein in die neue Volksgemeinschaft. Klara geht zum „Bund deutscher Mädel“, am Wochendende mal raus aus der Familie, Fahrten machen wie die Jungen, das überzeugt sie. „Ich hab’s gern getan, das kann ich nicht anders sagen.“

Im Herbst 1939 aber bricht die Welt der Nowaks zusammen. Klaras Bruder Gustav ist im Lindjahr an einer schweren Angina erkrankt. Der Ligerarzt schickt ihn in die Nervenheilanstalt Eickelborn. „Er hatte bloß Fieberträume“, sagt sie. „Wahrscheinlich haben sie das als Halluzinationen ausgelegt und ihn deswegen weggeschickt. Dabei war er ein guter Schüler und hatte viele Freunde.“ Ihre Stimme stockt, der Blick sucht Halt. Es geschah so überraschend, so grundlos. Mit der Präzision eines Uhrwerks spult das Unheil in den nächsten Monaten ab.

Klara Nowak will Krankenschwester werden. Im holsteinischen Freudenholm beginnt sie ihre Ausbildung. Eine Wendeltreppe wird ihr zum Verhängnis, sie rutscht aus, stürzt, zieht sich eine Gehirnerschütterung zu und wacht auf in der geschlossenen Abteilung der Nervenheilanstalt Neustadt/Holstein. Eine DRK-Schwester, der sie vorher von ihrem Bruder erzählt hat, hat sie dorthin gebracht. „Als ich fragte, was ich hier soll, habe ich erstmal ’ne Spritze gekriegt“, – für Tage keine Erinnerung mehr. Dann darf sie den Wagen schieben, auf dem das Besteck für die Insulinschocks liegt. Später bekommt Klara Nowak selber Insulinschocks. Diese Mengen Insulin lösen Krämpfe aus und tiefe Bewußtlosigkeit bis zum Koma. Wie lange sie so gelegen hat, weiß Klara Nowak nicht mehr. Dann wird Traubenzucker durch eine Nasensonde zugeführt. Mit dem Erbrechen hören die Krämpfe auf. Nach acht Wochen holt ihre Mutter sie ab. „An die Ärzte kann ich mich nicht mehr erinnern, leider.“

Gustav Nowak ist inzwischen in der Berliner Charité. Ein Krankenhaus, das seinen Namen im Sommer 1940 nicht mehr verdient. Klara Nowak will ihn besuchen. Aber sie erhält keine Besuchserlaubnis, wird stattdessen wieder in die geschlossene Abteilung verschleppt. In der Charité beginnt ein Zermürbungsprozeß, die Stigmatisierung der Opfer zeigt Wirkung. Sie zweifelt an sich, aber es war doch nie „etwas“ in der Familie, „bloß Kinderkrankheiten hatten wir“. Bis heute weiß sie richt, warum sie damals eingesperrt wurde. Klara Nowak begegnet der Agonie mit Schweigen, Abkapseln, um zu überleben. Die Frauen auf dieser Station sind von der Außenwelt abgeschnitten, die Fenster vergittert, das Haus mit hohen Mauern umgeben. Man kann mit niemandem reden.

Ein Tag wie jeder andere in der Charité: frühmorgens aufstehen, karger Waschraum, rationiertes Frühstück, schließlich ist ja Krieg, dann zurück ins Bett, vollgepumpt mit einschläfernden Tabletten, manchmal zu dem SS-Arzt, der in Sporenstiefeln auftritt, splitternackt ausziehen, Untersuchungen, Röntgenaufnahmen – für was? Und dabei immer diese gräßliche Angst, auch abgespritzt oder punktiert zu werden. „Es gab bei uns Frauen, denen hatte man am vorderen Kopfteil die Haare abrasiert und sie dann punktiert. Diese Menschen sind alle gestorben.“ Am schlimmsten ist die Einzelzelle, in der Mitte eine Matratze, daneben der Eimer. Ein- oder zweimal am Tag wird die schwere Eisentür einen Spalt geöffnet, jemand schiebt einen Blechnapf hinein. Die hygienischen Zustände lassen den Magen rebellieren, nicht immer zwingt sie den Fraß in sich hinein.