Die Ortskrankenkassen leiden unter dem Gründungsboom für Betriebskrankenkassen

Von Arne Daniels

Große Freude hat Norbert Blum mit seinem Gesundheitsreformgesetz bei den Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) nicht gerade ausgelost Sie fanden das Werk unausgewogen und lückenhaft Die Kassen durften aber zumindest hoffen, dank der Reform auf weitere Erhöhungen der Beitragssatze zunächst verzichten zu können Doch bei der AOK in Lübeck war diese Hoffnung schon dahin, ehe das Gesetz Wirkung zeigen konnte Wieder einmal muß die Kasse ihren Tarif anheben – um 0,3 Prozentpunkte auf satte 14,8 Prozent

Schuld daran ist allerdings weder Norbert Blum noch die Gebrechlichkeit der Hansestadter, sondern die Dragerwerk AG in Lübeck Das Unternehmen, Hersteller unter anderem von Atemschutz- und Medizintechnik und größter industrieller Arbeitgeber Schleswig-Holsteins, hat zum Jahreswechsel eine Betriebskrankenkasse (BKK) gegründet Die gutdotierten Drager-Arbeiter gehen der AOK dadurch verloren Für die verbleibenden Beitragszahler, Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, erhohen sich somit die Ausgaben, weil die Kasse "gute Risiken" verliert, wie es im Versicherungsjargon heißt "Macht dieses Beispiel Schule, wird die seit einem Jahrhundert bestehende Solidargemeinschaft der Ortskrankenkassen zerschlagen", fürchtet Alfred Utesch, Leiter der Beitragsabteilung bei der AOK Lübeck

Liegt der Beitragssatz der neuen Kasse unter dem der örtlichen AOK, profitieren Firma und Belegschaft gleichermaßen davon, weil beide Seiten die Abgaben an die Krankenversicherung zu gleichen Teilen bezahlen Ob die Gründung einer Betriebskrankenkasse lohnt, laßt sich meist mit einer simplen Rechnung feststellen Sind die Lohne der Mitarbeiter hoher als bei den anderen AOK-Versicherten, kann die BKK einen niedrigeren Beitragssatz festsetzen und bekommt dennoch genügend Geld in die Kasse Die Dummen sind die Ortskrankenkassen und ihre verbleibenden Mitglieder Bei ihnen hat die Rechnung ein negatives Vorzeichen Da der Durchschnittslohn der Versicherten sinkt, muß der Beitragssatz steigen

Drager und die AOK Lübeck sind ein Paradebeispiel für diese Krankenkassen-Arithmetik Die Ortskrankenkasse der Hansestadt verliert rund 2100 Versicherte, die mit einer durchschnittlichen Grundlohnsumme von 39 000 Mark glatte 10 000 Mark über dem AOK-Durchschnitt liegen Wahrend die AOK Lübeck nun den Beitragssatz auf 14,8 Prozent erhohen muß, startet die BKK Drager mit einem Satz von 11,3 Prozent

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