Von Andreas Kohlschütter

Wir werden den Heiligen Krieg in die Sowjetunion hineintragen und die sieben Städte des Islam zurückerobern – Ashabad, Mary, Buchara, Chiwa, Samarkand, Kokand, Taschkent. Wir werden den Kommunismus auch in der Sowjetunion zerschlagen. Das Ende Rußlands hat in Afghanistan begonnen."

Der triumphierende Ausruf des drahtigen afghanischen Widerstandskämpfers mit Vollbart und feurigen Augen stößt bei seiner Mudschaheddin-Gruppe auf begeisterte Zustimmung. Sie kommen gerade vom abendlichen Gebet zurück, das sie im Nebel und in dichtem Schneetreiben Richtung Mekka verrichtet haben, unmittelbar neben dem glitschigen Holperpfad auf den 3000 Meter hohen Angurada-Paß, dem Übergang vom pakistanischen Süd-Waziristan in die Provinz Paktika im Südosten Afghanistans.

Immer wieder wühlen sich die Räder im Schlamm und Schneematsch fest; immer wieder müssen Felsbrocken und Steinschutt beiseite geräumt werden. Fünf bis zehn Kilometer in der Stunde, mehr ist auf den Pisten Paktikas auch in den folgenden Tagen nicht möglich. Doch den Trupp heiliger Krieger kümmert dies nicht. Ihre Stimmung ist euphorisch, beflügelt vom Rückzug der Roten Armee und vom Sieg über die Russen. Sie stecken zwar tief im Morast ihrer mittelalterlich unwegsamen afghanischen Provinz, aber sie fühlen sich grenzenlos frei und unwiderstehlich stark – in Gedanken sind sie bereits auf schnellem Vormarsch gen Taschkent.

Paktika ist schon seit der ersten Oktoberhälfte in der Hand der Aufständischen. Nach dem Fall der Garnison von Zarghum Shahr verließen damals die letzten Kabuler Regierungstruppen und sowjetischen Militärberater die Provinz. Seither herrscht Ruhe, der Krieg scheint weit weg. Die Schüsse, die plötzlich die Stille zerreißen, stammen aus den Kalaschnikow-Läufen einer lokalen Mudschaheddin-Einheit, die Jagd auf Hasen macht.

Durch die Provinz verläuft eine wichtige Nachschubachse des Widerstands für die Kriegsfronten um Kabul. Lastwagen-Konvois mühen sich über die hindernisreichen Pisten: voll beladen hin, in die Region Maidan Shahr, rund 25 Kilometer vor den Toren Kabuls, und leer wieder nach Pakistan zurück. Dreißig moderne Schwerlaster stehen vor einer Lehmhütte, in der Tee gekocht wird. Die Fahrzeuge gehören, wie ein Fahrer berichtet, der pakistanischen Armee. Sie sind auf dem Rückweg nach Peschawar, von wo sie mit Tonnen von "Flüchtlingsrationen" – Weizen, Seife, Speiseöl, Zucker, Tee – für die kämpfenden Guerillaverbände gestartet waren. Auch mit Waffen? Der Fahrer lacht – und schweigt.

Das nach harten Kämpfen zerstörte Fort von Zarghum Shahr und die Brandruinen des dazugehörenden Marktfleckens erinnern an die Kulisse eines Italo-Western. Rundum Einsamkeit, Weite. Über einem der Festung vorgelagerten Bunker hängt Leichengeruch. "Komm her, ich zeige dir, was von den Russen in Afghanistan übrigbleibt", ruft ein triumphierender Krieger. Mit einem Ast stochert er in einem zugeschütteten Schützengraben herum und legt den violetten, verwesenden Schädel eines sowjetischen Soldaten samt Uniformfetzen frei: "Ich habe gelesen, daß sie die Ehe unter Geschwistern zulassen und nach dem Geschlechtsakt ihren Körper nicht waschen. Schreckliche Menschen, diese Russen."