Vom Krieg zerstört sind in Paktika die einstigen Garnisonen und Militärstützpunkte wie Zarghum Shahr, Gomal und Urgun. Im übrigen vermittelt der Augenschein ein überraschendes Bild ungebrochener afghanischer Provinznormalität, das sich mit den Vorstellungen totaler Verwüstungen, verbrannter Erde und umfassender Entvölkerung überhaupt nicht deckt.

Die Lehmdörfer und die von hohen Schutzmauern umgebenen Weiler der fruchtbaren Katawaz-Hochebene, dem zentralen Siedlungsgebiet der Provinz, sind unversehrt geblieben. Und sie sind voller Leben. Kein Halt, bei dem man nicht sofort von einer staunenden Menschenmenge umgeben wäre, von lärmenden Kinderscharen, die keineswegs krank oder verhungert wirken. Im Hintergrund bleiben wie immer schon die verschämten und zugleich neugierigen Frauen in ihren grellfarbenen Tuchkleidern. In den Siedlungen hier leben gut 70 Prozent der Vorkriegsbevölkerung weiterhin in intakten traditionellen Dorfgemeinschaften.

Zweifellos hat auch diese Region unter dem neun Jahre währenden Krieg gelitten, mehr jedoch unter dessen indirekten Folgen. Die kunstvollen Bewässerungssysteme sind verkommen. Es fehlt an landwirtschaftlichen Arbeitskräften, die durch Rekrutierungen des Regimes und der Aufständischen, aber auch durch Flucht verlorengingen. Es fehlen Saatgut und Kunstdünger. Die Zug-Ochsen sind eingegangen. Große Anbauflächen liegen brach, und die Erträge des noch bewirtschafteten Ackerlandes sind auf ein Viertel der Vorkriegsproduktion geschrumpft. Von den 3000 Kilo Weizen, die eine zwölfköpfige Familie im Jahr benötigt, 15 wachsen auf den Feldern der Katawaz-Ebene bestenfalls noch 500 Kilogramm. Der Rest muß aus Pakistan eingeführt werden, mit Hilfe von Geld- und Naturalüberweisungen von Familienangehörigen, die einen Teil ihrer Flüchtlingsrationen oder pakistanischen Einkünfte für die Daheimgebliebenen abzweigen. Paktika war immer schon eine vernachlässigte Hinterhof-Provinz. Durch den Krieg hat sich diese "ewige" Verarmung und Unterentwicklung noch weiter verschlimmert.

Die Gelassenheit, Zähigkeit und Findigkeit, mit der die Afghanen ihr Überleben durch kollektive und individuelle Selbsthilfe sicherstellen, ist beeindruckend. Um so enttäuschender auch hier in Paktika die Unfähigkeit, diese Widerstands- und Überlebenstalente politisch umzusetzen. Die Macht der Kabuler Regierung wurde gebrochen, das entstandene Machtvakuum vermögen die Sieger indes nicht zu füllen. Die Provinz wurde befreit, aber sie läßt sich in keiner Weise regieren und verwalten.

"Es gibt bei uns keine Maleks mehr", erklärt ein zahnloser Alter beim Gespräch auf dem Teppich in der Lehmbau-Moschee von Mest. Ob er sich darüber nun freut oder ob er es bedauert, daß mit den Maleks die traditionelle paschtunische Führungsschicht der Dorf- und Landnotablen entmachtet wurde, läßt sich aus dem versteinerten Furchengesicht nicht herauslesen. Der Krieg hat eine neue Elite geschaffen und die Mudschaheddin-Kommandeure nach oben getragen. Sie üben heute in Paktika auf allen Ebenen die Macht aus, im Dorf, im Unterdistrikt und Distrikt. Sie regieren mit Hilfe gewählter Komitees; vor allem aber stützen sie sich auf ihre bewaffnete Mudschaheddin-Gefolgschaft. Die Kommandeure gehören alle zu einer der sieben in Peschawar sitzenden Exilparteien, die sie mit Geld, Nahrungsmitteln und Waffen versorgen und die versuchen, in ihren jeweiligen Machtrevieren straffe Einparteiordnungen zu errichten.

Die Machtrivalität zwischen den verschiedenen Parteien mit ihren lokalen Militärstatthaltern wird überall entlang des Wegs erkennbar. Öffentliche Dienste – Dorfschulen, Waren- und Personentransporte, ärztliche Betreuung in Pakistan – werden nicht vereint, sondern getrennt organisiert. Jede einzelne Partei sucht ihren Einflußbereich durch Gewährung solcher Vergünstigungen auszuweiten. Politische Rivalität verstrickt sich unentwirrbar mit ländlichem Clan- und Cliquenstreit und mit altem Stammeszwist. Hinzu kommt die Macht- und Geldgier einzelner Kommandeure. Keiner von ihnen denkt bislang daran, seine Truppe zu demobilisieren und zur dringend benötigten Landarbeit freizugeben.

In den Dörfern von Paktika wird heimlich Kritik an der neuen Machtelite laut. Und zwar nicht mehr nur an den sich im Peschawar-Exil bereichernden Parteibossen, sondern auch schon an den Militärführern und Kriegshelden: "All diese Kommandeure sind Diebe, die bloß dem Geld und ihrem Gewinn nachlaufen." Der Hader zwischen den Parteien lähmt jedenfalls alle Ansätze für den Aufbau einer effektiven Provinzversammlung oder Schura.

Bevor diese Mudschaheddin im Siegesrausch auch nur gedanklich Kurs auf Taschkent nehmen, sollten sie die Befriedung Afghanistans ins Auge fassen. Die Fahrt durch Paktika läßt daran zweifeln, daß die heiligen Krieger dazu in der Lage sind.