Wer könnte nicht Norbert Blüms Verlangen nach Zuwendung nachvollziehen? Mit Ärzten und Krankenkassen hat es der Arbeitsminister verdorben, weil viele Regelungen seiner hektisch beschlossenen Gesundheitsreform in der Praxis Probleme machen. Die 37 Millionen Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung sind verärgert, weil ihnen die Reform Mehrkosten für Brillen und Zahnersatz, Krankenhausbehandlungen und Fahrten zum Arzt aufbürdet. Die eigene Partei beschuldigt Blüm, er habe mit seinem Sanierungsprogramm das Wahldebakel der Union in Berlin verschuldet.

Verständlich, daß der Minister da nur Angenehmes zur Kenntnis nehmen mochte, als ihm der Sachverständigenrat für die konzertierte Aktion im Gesundheitswesen vergangene Woche sein alljährliches Gutachten präsentierte. Die Expertise sei, so freute sich Blüm, eine "kräftige Unterstützung" für seine Reform.

Richtig war daran höchstens, daß die Professoren tatsächlich mit Nachdruck für Remedur in der gesetzlichen Krankenversicherung plädieren. Zugleich aber lautet ihr Urteil auch, daß Blüms frisches Reformwerk dazu wenig tauge.

Blüms Sanierungsversuch geht daneben, weil er ausschließlich die Versicherten belastet. Die Anbieter von Gesundheitsdiensten – Ärzte, Arzneiindustrie, Zahnlabors, Optiker, Krankenhäuser, Apotheker, Kurbetriebe – kommen fast ungeschoren davon, obwohl sie doch mehr als die Patienten dafür verantwortlich sind, daß krank sein bald unbezahlbar wird.

Die Sachverständigen belehren Blüm deshalb, wie eine erfolgversprechende Reform hätte aussehen müssen. Drei rigorose Neuerungen schlagen sie vor.

Erstens: Mit der freien Arztwahl soll Schluß sein. Zugleich sollen die Doktoren nicht mehr jeden Handgriff einzeln vergolten bekommen. Jeder Versicherte soll sich statt dessen für einen "Primärarzt" entscheiden. Dieser Doktor bekommt von der Krankenkasse pro Versicherten eine Pauschale bezahlt – gleich, ob der Patient seine Dienste tatsächlich in Anspruch nimmt oder nicht. Weil weitaus die meisten Leiden Bagatellen sind, kann der Primärarzt in der Regel seine Patienten selbst behandeln. Allein schwierige Fälle gäbe er an – teurere – Fachärzte und Krankenhäuser ab.

Die Vorteile des Verfahrens bestechen. Zum einen wäre der Arzt daran interessiert, seine Patienten sparsam zu behandeln. Für den einzelnen Arzt lohnte es nicht mehr, die Krankenkassen dadurch zu schröpfen, daß er an seinen Patienten möglichst viele Behandlungen vornimmt.