Von Norbert Grob

Das Abenteuer einer märchenhaften Verführung, die nichts erzwingt, aber alles erweckt: Für seinen neuen Film hat Rudolf Thome eines der großen Themen des Kinos gewählt. Drei schöne, weltgewandte Frauen erwachen morgens in fremden Betten. Die eine flüchtet noch vor dem Frühstück. Die zweite greift gelangweilt zu einem Buch. Die dritte kennt noch nicht einmal den Mann, der neben ihr liegt.

Am selben Morgen, in derselben Stadt: Ein schüchterner, etwas ungelenker Mann bedrängt voller Aufregung seinen Briefträger. Das Päckchen, das er erhalt, öffnet er erst zu Hause: feierlich, mit zitternden Händen. Es enthält sein erstes Buch: "Die Liebe zur Weisheit. Eine Anleitung zum Denken."

Berlin zwischen Charlottenburg und Kreuzberg: zwei Orte, zwei Welten. Zusammen kommen sie, als Georg, der junge Denker, den Entschluß faßt, sich für eine Lesung neu einzukleiden. In einem exklusiven Herrengeschäft in Kudammnähe sucht er nach einem günstigen Angebot – und, etwas weltfremd, nach einem Mietanzug. Die drei Frauen, Inhaber des Geschäfts, nehmen.sich sofort des unkundigen, etwas skurrilen Mannes an. Jede von ihnen sieht etwas in ihm, jede entdeckt neue Ansprüche für ihn. "Was denken Sie über die Liebe?" Seine Antwort: "Dieses Gefühl habe ich seit Jahren nicht mehr empfunden, seit dem Tod meiner Mutter."

Thome und sein Darsteller Johannes Herrschmann haben enorme Kraft und viel Phantasie aufgewendet, um ihren Helden mit besonderen Eigenschaften auszustatten. Diese steifen, unbeholfenen Bewegungen seines Körpers, diese linkische, verschrobene Art und Weise seiner Rede: all das macht seinen ungewöhnlichen Charme aus – und ist zugleich gegen das Selbstverständliche gerichtet, gegen das übliche. Einen so seltsamen Helden hat das Kino bisher nicht gekannt.

Als dieser wundersame Mann ihrer Einladung folgt, scheinen die drei Frauen am Ziel ihrer Wünsche: Wie die Chariten, Göttinnen der Anmut, verwöhnen sie ihren neuen Freund. Martha kümmert sich – wie Aglaia – um den Glanz der Feste, Beate – wie Euphrosyne – um den Frohsinn, Franziska schließlich – wie Thalia – um das Lebensglück.

Der Mann nimmt das Ganze als Wunder, dem nicht zu trauen ist. Über Heraklits "Alles fließt" hat er einen wissenschaftlichen Essay geschrieben. Als aber in seinem eigenen Leben alles in Fluß kommt, reagiert er erstaunt, dann zutiefst verstört. Die Frage ist: Muß denn das Glück so fremd sein, wenn man sich glücklich fühlt?