Der Cinéast von Welt verachtet sie und geht doch immer wieder hin, die Regisseure fürchten sie und können sie doch kaum erwarten, Peter Greenaway nennt sie "nichtige Ereignisse" und ist dennoch jedes Jahr wieder mit dabei: die Filmfestivals. In einer Zeit, in der das Ästhetische immer mehr zum Ferment des Alltags wird, erfüllen sie eine alte Sehnsucht: daß die Kunst ein Fest sein muß. Das ganze Jahr brennt die Filmkunst auf kleiner Flamme im Kino um die Ecke; nur auf den Festivals kann sie sich selber feiern, sich ausstellen mit allem Glanz und Pomp.

In den sechziger und siebziger Jahren hatten die Filmfestivals eine wichtige Aufgabe: Als die künstlerischen Standards des europäischen Nachkriegsfilms langsam brüchig wurden und "Papas Kino" nicht mehr gefragt war, gaben die Wettbewerbe und Sonderreihen in Berlin, Cannes und Venedig den jungen, wagemutigen und noch wenig bekannten Filmemachern jener Jahrzehnte Gelegenheit, ihre Arbeiten einem internationalen Publikum vorzustellen. Ohne die Hilfestellung der großen Festivals wären Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder oder Volker Schlöndorff wahrscheinlich erst viel später (oder nie!) in der ganzen Welt bekannt geworden, wären ihre Filme kaum je über den deutschen Sprachraum hinausgelangt. Der europäische Autorenfilm ist nicht in den Köpfen einiger Filmemacher und Gremien, sondern auf den Leinwänden der Filmfestivals geboren worden.

Seit einigen Jahren ist das nicht mehr so. Entdeckungen kann man auf den Festivals kaum noch machen, "wilde", ungewöhnliche Filme sind immer seltener zu sehen. Fernsehredakteure kaufen Autorenfilme, Fernsehproduzenten zeigen die neuesten Produkte ihrer angestellten "Autoren". Nur ein Filmland hält allenthalben verschwenderisch hof: die USA. In Hollywood klingeln die Kassen wie seit langem nicht mehr, die Branche boomt, der europäische Markt wird mit amerikanischen Produktionen überschwemmt. Und europäische Regisseure gehen, wer kann es ihnen verübeln, nach Hollywood.

Am vergangenen Freitag wurden in Berlin die 39. Internationalen Filmfestspiele eröffnet. Als Eröffnungsfilm lief, außer Konkurrenz, "Gefährliche Liebschaften" von Stephen Frears, im Verleih der Warner Brothers. Frears ist einer der wichtigsten Regisseure des neuen englischen Films. Jetzt hat er für Hollywood die "Liaisons dangereuses" von Choderlos de Laclos verfilmt, und zwar meisterlich. Joseph Losey und Ettore Scola haben früher solche Filme gedreht. Die amerikanische Filmindustrie hat sich ihre Kunst einverleibt.

Auch Woody Allens neuer Film "Eine andere Frau", mit dem das Festival beendet wird, ist ein beeindruckendes Werk. In den Wettbewerb um den Goldenen Bären haben die amerikanischen Großverleiher einige ihrer Paradeobjekte geschickt: Barry Levinsons "Rain Man" mit Dustin Hoffman und Tom Cruise (100 Millionen Dollar Einspielergebnis, mehrere Oscarnominierungen), Alan Parkers "Mississippi Burning" mit Gene Hackman und Willem Dafoe (20 Millionen Kasse plus Nominierungen), Jonathan Kaplans "The Accused", Oliver Stones "Talk Radio". Diese Filme und die Stars, die in ihrem Gefolge anreisen, geben dem Festival Glanz. Und gehen ihm an die Substanz.

Auf dem Laufsteg von Berlin wird amerikanische baute couture zusammen mit europäischer Unterwäsche angeboten. Wer sich für die Designs aus Hollywood erwärmen kann, bekommt die Unterhosen aus Europa noch mit dazu. Aus der DDR kommen die üblichen DEFA-Schinken, aus Rußland die letzten Fundstücke von Glasnost. Und ein kleiner, wunderschöner Film wie Dominik Grafs "Tiger, Löwe, Panther" läuft abseits des Festivalrummels in der Filmbühne am Steinplatz, wo der unerschütterliche Heinz Badewitz alljährlich die Überbleibsel des deutschen Autorenfilms versammelt.

Natürlich sind Filmfestivals Werbeveranstaltungen. Aber für diejenigen, die es nötig haben. "Rain Man" kommt auch ohne den Berlinale-Effekt ins Kino, Grafs Film vielleicht nie. Wenn die Filmfestspiele zum Laufsteg Hollywoods werden, können wir bald zu Hause bleiben.

Andreas Kilb