Von Roger de Weck

Das Wort hat Georges Danton! Als der mächtige Revolutionsführer seine Rede beginnt und – kraft der Gewohnheit und seiner dröhnenden Stimme – gleich in die Runde brüllt, horcht der Nationalkonvent auf. "Wir werden der Welt ein Beispiel geben, wie das noch kein Volk getan hat!" donnert Danton. Wir? Ja. "Wir, die wir für die kommenden Generationen wirken, wir, auf die die Welt blickt..."

Die Worte des gewaltigen Danton, ausgesprochen am 1. August 1793, sie sind bis heute nicht verhallt. Zwei Jahrhunderte nach der großen Umwälzung ist der Glaube nicht erloschen, daß Frankreich eine besondere Mission zu erfüllen habe. Zwar weiß das Land der Menschenrechte, daß es dem eigenen Anspruch längst nicht immer Genüge tat und tut; so ist es durchaus kein einfältiges Überlegenheitsgefühl, das die Franzosen beseelt. Und doch leben sie der Überzeugung, daß ihnen im Konzert der Nationen eine Sonderstellung zukommt. 1789 und in den darauffolgenden Jahren ging es um die Abschaffung der Privilegien, um die Egalité. In der magischen Jahreszahl 1789 gründet aber auch das Bewußtsein, ein von der Geschichte auserwähltes Volk zu bilden, dem wie selbstverständlich gewisse Privilegien gebühren.

Frankreich, dieses geschichtsdurchdrungene Land, beruft sich dabei auf das Gewohnheitsrecht. "Schauten nicht alle Völker in jenen drängenden Tagen/ Nach der Hauptstadt der Welt, die es schon lange gewesen,/ Und jetzt mehr als je den herrlichen Namen verdiente?" Wenn neben Johann Wolfgang Goethe (1797 in "Hermann und Dorothea") noch tausend andere Geistesgrößen das damalige Paris als den Hort der Hoffnung besangen, dann müßte eigentlich bis heute davon etwas haften geblieben sein. So denkt mancher Franzose, dem das Eingeständnis schwerfällt, daß sich die Zeiten schneller geändert haben als das französische Selbstverständnis.

Es war Danton selber, der am 26. August 1792 das Gesetz gegenzeichnete, das Schiller und Klopstock und weiteren berühmten Ausländern die französische Staatsbürgerschaft verlieh, weil sie "mit ihren Schriften und mit ihrem Mut der Sache der Freiheit gedient haben". Die Erinnerung an jene Epoche, da es aus der Sicht der Pariser Revolutionäre keine höhere Weihe gab als die der Teilhabe an der französischen Nation, ist bis zum heutigen Tage wach geblieben.

"O großes Volk, dazu berufen, Beispiel zu geben, zur Tat zu schreiten, zu kämpfen, und welches im Lauf der Geschichte stets alle Blicke auf sich zieht, sei es als Tyrann, sei es als Opfer oder strahlender Sieger ..." Spricht wieder Danton? Nein, die Beschwörungen fließen aus der Feder von Charles de Gaulle. Und doch darf das beinahe messianische Pathos, das zwei Jahrhunderte überbrückt, nicht darüber hinwegtäuschen, wie kritisch Frankreich immerzu mit sich selber ins Gericht geht. Neben dem Hang zur Selbstbeweihräucherung besteht eine alte, auch von de Gaulle sorgsam gepflegte Tradition der Selbstbezichtigung. Die Franzosen, so lautet das nationale Mea Culpa, seien ihrem historischen Auftrag nicht gewachsen.

Seit der großen Revolution war wenig mehr als ein halbes Jahrhundert verstrichen, da schrieb deren überragender Deuter Alexis de Tocqueville: "Heute, da uns das Wirrsal der Revolutionen sosehr zur Demut anhält, daß wir uns der Freiheit, die andere Nationen genießen, für unwürdig halten, können wir uns schwerlich den unendlichen Stolz unserer Väter vorstellen. Wenn man die Schriften aus jener Zeit liest, dann staunt man über die gewaltig hohe Meinung, die die Franzosen aller Gesellschaftsschichten von ihrem Land und ihrer Rasse hatten, und über die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der sie die Franzosen mit der Menschheit gleichsetzten."