Von Wolfgang Hoffmann

Als Postminister Christian Schwarz-Schilling kurz nach der Wende im Oktober 1982 entschied, die Bundesrepublik flächendeckend mit einem neuen Kabelnetz zu überziehen, ging die deutsche Fernmeldeindustrie deutlich auf Distanz. Der Grund des Ärgers über den neuen Mann an der Spitze der Post: Schwarz-Schilling begnügte sich mit einem neuen Kabelnetz aus Kupfer, statt auf die modernste Technik zu setzen: ein Breitbandnetz aus Glasfaser. Inzwischen freilich sieht es ganz danach aus, als hätte Schwarz-Schilling richtig entschieden. Hätte er sich nämlich schon 1983 auf Glas eingelassen, so wäre das vermutlich ein Abenteuer mit viel Bruch geworden.

Rückblick: Die Entscheidung des Medienpolitikers Schwarz-Schilling, den Bundesbürgern mit Hilfe eines neuen Kabelnetzes Fernsehen total zu bescheren, wurde mit Ausnahme der Hersteller von Kupferkabeln auf breiter Front mit Kritik bedacht. Klaus Krone von der Berliner Krone AG attestierte dem Postminister im Frühjahr 1983 verfehlte Politik: "Technologisch sind Kupfernetze ein Rückschritt." Und der Wuppertaler Unternehmer Hermann Quante, dessen Firma seit der Jahrhundertwende zuverlässiger Lieferant von fernmeldetechnischem Zubehör ist, erteilte Schwarz-Schilling gleichfalls eine Abfuhr. Der inzwischen verstorbene Quante damals: "Gegen Kupfer spricht am meisten, daß technologisch hochstehende Länder eben nicht mehr Kupfer verlegen, sondern Glas."

Probleme in Frankreich

Mit unverhohlenem Neid verfolgte die deutsche Industrie damals die modernen Kabelpläne im Nachbarland Frankreich, das gerade erst begonnen hatte, in Europa die technologische Führung beim Ausbau eines neuen Kommunikationsnetzes zu übernehmen. Just zu dem Zeitpunkt, an dem Schwarz-Schilling sich für ein Kupfernetz entschied, verkündete der damalige französische Post- und Fernmeldeminister Louis Mexandeau sein ehrgeiziges Ziel auf der Basis der Glasfasertechnik: "Wir wollen ein französisches Modell des Kabelfernsehens, ein französisches Modell der Tele-Bürokommunikation und ein französisches Modell der Video-Kommunikation schaffen."

Zur Größe Frankreichs haben alle drei Glas-Modelle bisher nicht beigetragen. Im Gegenteil – die Verkabelung Frankreichs mit moderner Glasfasertechnik erwies sich bisher als Flop. Voller Häme verkündete der Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unlängst: "Kabelfernsehen in Frankreich – Schiffbruch mit Glasfaser."

Vom Ziel, bis Ende vergangenen Jahres 2,4 Millionen französische Haushalte zu verkabeln, ist Frankreich noch weit entfernt. Und nachgerade blamabel ist, daß die hochfliegenden Glasfaser-Pläne der französischen Post zurückgeschraubt werden mußten. Wegen technischer Schwierigkeiten mit Glas ist bei der weiteren Verkabelung zum Teil wieder das bewährte Kupfer verwendet worden. Auch finanziell geriet der Einsatz von Glas zu einem Fiasko. Während die Bundespost für jeden Kabelanschluß rund 800 Mark kalkuliert, kostet ein Anschluß in Frankreich etwa 10 000 Mark. Zwar bieten die teuren Glasfaseranschlüsse in Frankreich über diverse TV-Programme hinaus auch noch Video-Fernsprechen an, bei den Kunden hat sich das Bild-Telephonieren aber nicht durchgesetzt. Insgesamt kam eine Expertenkommission des französischen Post- und Fernmeldewesens zum Ergebnis: "Die einheimische Industrie kann kein exportfähiges Glasfasersystem vorweisen."