An Richard von Weizsäckers Integrationsbemühen scheiden sich wieder einmal die Geister

Von Gunter Hofmann

Bonn, im Februar

Seismographischen Charakter", urteilt Arnulf Baring, haben bisher alle Präsidentschaftswahlen gehabt. Bei dieser Gelegenheit, so begründet er in seinem Buch über den Machtwechsel im Jahr 1969 die These, hätten sich jedes Mal "neue politische Konstellationen" abgezeichnet.

Bewußt oder unbewußt, so fährt er fort, spielten dabei, von der Wahl Theodor Heuss’ bis zur Wahl Walter Scheels (die Beispiele ließen sich fortführen), Grundströmungen in der Bundesrepublik eine große Rolle. "Eine solche Strömung muß nicht präziser sein als der vage Wunsch nach Veränderung. Sie muß nicht mehr sein als die verbreitete Hoffnung auf eine umfassende Erneuerung, auf grundlegende Reformen – wie am Ende der sechziger Jahre. Zu anderen Zeiten wird die Neigung zu vorsichtigem Beharren, zu einer bedachtsamen Bewahrung des gegenwärtig Bestehenden überwiegen."

I

Am 23. Mai soll Richard von Weizsäcker ein zweites Mal zum Bundespräsidenten gewählt werden. Eine überwältigend breite Mehrheit ist ihm dabei sicher, auch wenn die Grünen einen Gegenkandidaten aufstellen. Die Republikaner, die – wenngleich nicht mit vollem Stimmrecht – erstmals in der Bundesversammlung vertreten sein werden, können kaum mit Zulauf rechnen. Wer Weizsäcker die Stimme versagt, gerät ja in gefährliche Nähe der neuen Rechtspartei, schon das zwingt zur Solidarität.