Von Heinz-Günter Kemmer

Manfred Lennings kann bald wieder eine seiner Lieblingsposen einnehmen: Schiffermütze auf dem Kopf, Pfeife im Mund und die Hände am Ruder einer großen Segelyacht. Denn dem künftigen Aufsichtsratsvorsitzenden der Fried. Krupp GmbH wird wohl nicht verwehrt sein, die konzerneigene Yacht „Germania“ zu steuern. Doch das ist für den Segler Lennings ein Kinderspiel im Vergleich zu seiner neuen Aufgabe, den schlingernden Krupp-Konzern wieder auf Kurs und in ruhiges Fahrwasser zu bringen.

Am 21. Juni soll er bei Krupp als Nachfolger von Berthold Beitz den Vorsitz im Aufsichtsrat übernehmen, der zuvor schon dem Veba-Chef Rudolf v. Bennigsen-Foerder und dem Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, angeboten worden war. Beide lehnten ab. Bennigsen schon ehe das Kuratorium der Krupp-Stiftung ihn offiziell gefragt hätte, Herrhausen trotz eines förmlichen Angebots. Und das läßt Lennings wie zweite oder gar dritte Wahl aussehen.

Ein weiteres Handicap für Lennings ist die weitverbreitete Meinung, er sei an seiner Aufgabe als Vorstandsvorsitzender der Gutehoffnungshütte (GHH) – heute MAN – gescheitert und habe deshalb dem jetzigen MAN-Chef Klaus Götte Platz machen müssen. Die Wahrheit ist aber wohl, daß Lennings Opfer einer bayerischen Verschwörung wurde und im November 1983 das Handtuch warf, weil er seine Vorstellung von der Sanierung des angeschlagenen GHH-Konzerns nicht verwirklichen konnte.

Lennings wollte damals zusätzlich zu seiner Arbeit als Konzernchef bei der GHH in Oberhausen auch die Kommandobrücke bei der leckgeschlagenen Tochtergesellschaft MAN besetzen. Deren Vorstandsvorsitzender Otto Voisard sollte zum einfachen Vorstandsmitglied degradiert und das kaufmännische Vorstandsmitglied Gerd Wollburg entlassen werden. Das aber verhinderten der Versicherungskonzern Allianz und die Commerzbank, die zusammen mit rund dreißig Prozent an der GHH beteiligt sind. Paul Lichtenberg, der frühere Commerzbank-Chef, machte aus seiner Abneigung gegen Lennings keinen Hehl. So kam Klaus Götte auf den Chefsessel der GHH, sanierte den Konzern, machte MAN zum Firmennamen und verlegte den Sitz nach München.

Daß der 1934 in Oberhausen geborene Lennings ebenfalls Firma und Sitz geändert hätte, ist wenig wahrscheinlich. Dennoch gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln, daß auch ihm die Sanierung gelungen wäre. So aber muß der künftige Aufsichtsratsvorsitzende des Krupp-Konzerns mit dem Vorurteil leben, gescheitert zu sein. Dies trotz der Tatsache, daß er inzwischen längst rehabilitiert ist, wenn auch nicht durch die Übernahme des Chefpostens in einer großen Aktiengesellschaft. Immerhin vertraut die Westdeutsche Landesbank (WestLB) seinem Rat bei der Betreuung ihrer Industriebeteiligungen. Und schließlich behielt Lennings nach seinem Abschied von der GHH jene Aufsichtsratsmandate, die nichts mit dem Konzern zu tun hatten.

Für seine Aufgabe bei Krupp ist der neue Mann bestens vorbereitet, denn ihm ist das Geschäft des Unternehmens vertraut. Schließlich war die GHH ähnlich strukturiert wie der Essener Traditionskonzern, Lennings wird deshalb keine lange Einarbeitungszeit brauchen. Der einstige Senkrechtstarter, der schon mit 34 Jahren Vorstandsmitglied bei der Howaldtswerke – Deutsche Werft AG (HDW) und sieben Jahre später Chef der GHH wurde, hat noch einmal die Chance, in der deutschen Industrie zu glänzen.