Dem Publikum, das gewöhnlich den Durchgang über den Schloßhof und die Schloßbrücke nach der Neustadt benutzte, fiel an den folgenden Tagen auf, daß die sonst nur nachts geschlossenen Tore auch tagsüber versperrt und die Schloßwachen verstärkt waren. Was sich im Schloß ereignet hatte, wußte niemand. Aber binnen kurzer Zeit verbreiteten sich Gerüchte am Hofe und in der Stadt, Königsmarck sitze im Stadthaus der Platen am Holzmarkt, auf der Münze oder im Schloßlaboratorium gefangen. Die Regierung ließ einen Schneider wegen „ungebührlicher Plauderei“ am Kragen packen und unterdrückte auch sonst „fabulöses Geschwätz liederlicher Leute“.

Obwohl alle Welt wußte, was die Glocke geschlagen hatte, wie Sophie berichtete, kam die Wahrheit erst 260 Jahre später ans Licht. Die hannoversche Regierung hatte zwar versucht, alle Spuren der unwillkommenen Affäre zu tilgen, wie die Lücken in den Archivbeständen zeigen, Schnaths archivalischer Spürsinn fand jedoch trotzdem unzweideutige Hinweise in den Quellen. Sie passen genau zu der vom dänischen Gesandten am Wolfenbüttler Hofe überlieferten Version der Ereignisse. Danach stellten vier Hofkavaliere, die Königsmarck gut kannte, ihn auf seinem Weg zur Prinzessin im Schloß und überwältigten ihn. Der italienische Geistliche Don Nicolo Montalban führte den tödlichen Streich. Königsmarcks Leiche wurde in einen mit Steinen beschwerten Sack gesteckt und im tiefen Mühlenkolk der Leine seitwärts vom Schloß versenkt.

Ob der Kurfürst die Höflinge mit dem Mord beauftragte oder ob Königsmarck nur gefangengesetzt werden sollte und welche Rolle die Gräfin Platen bei dem Komplott spielte, ist nicht mehr festzustellen. Georg Schnaths Aktenfund beweist jedoch, daß die Mordtat Ernst August mehr als willkommen war, denn er belohnte den Täter hoch. Der bis dahin stark verschuldete Montalban taucht in den hannoverschen Kammerrechnungen von 1694 plötzlich als Gläubiger eines Darlehns von 10 000 Talern an die Staatskasse auf. Da der italienische Dunkelmann über einen so hohen Betrag aus eigenen Mitteln nicht verfügte, bleibt nur ein Schluß: Ernst Augusts Räte hatten zur Belohnung des Täters die Form einer fingierten Staatsanleihe gewählt. Sie war Blut- und Schweigegeld in einem, denn Kapital- und Zinszahlungen konnten im Falle, daß Montalban plauderte, zurückgehalten werden. Strafrechtlich gesehen war die Tat auch damals höchstes Unrecht. Der absolute Herrscher galt zwar als legibus solutus, als über dem Gesetz stehend. Seine Macht war jedoch nicht schrankenlos. Das göttliche Recht, das Naturrecht und die leges fundamentales des Reiches setzten ihm Grenzen. Die Staatsräson, staatsrechtlicher Leitstern des Absolutismus, erlaubte es, Verträge zu brechen und in wohlerworbene Rechte einzugreifen, nicht jedoch eine solche Tat.

Königsmarcks Leute meldeten das Verschwinden ihres Herrn erst am 5. Juli, so daß den Geheimen Räten mehrere Tage Zeit blieb, ihr weiteres Vorgehen zu planen. Die Räume der Prinzessin wurden durchsucht, sie selber unter Hausarrest gestellt. Man fand Briefe, die unter die Spielkarten gemischt oder hinter der Gardine versteckt waren. Die Kammerjungfer Eleonore von dem Knesebeck wurde als einzige Eingeweihte („la seule confidente de l’intrigue“) festgenommen und verhört. Die Beamten von Hannover und Celle legten Richtlinien fest, wie die Affäre zu handhaben sei. Danach sollte jede Kenntnis vom Verbleib Königsmarcks geleugnet werden. Die anzubahnende Ehetrennung der Prinzessin sollte auf böswilliges Verlassen und Flucht, nicht auf Ehebruch abgestellt werden. Auf diese Weise konnte jeder Zusammenhang mit dem Verschwinden Königsmarcks bestritten werden.

Man verfuhr wie beschlossen. Die Scheidung wurde vor einem von beiden Seiten besetzten Gericht durchgezogen. Das Gericht hielt noch einen Gütetermin ab. Die Prinzessin erklärte jedoch ihren „schlüssigen und beständigen Vorsatz, zu ihrem Gemahl nicht wieder zu kommen, sondern allein zu bleiben“. Im Januar 1695 erging das Scheidungsurteil. Es verbot der Prinzessin, sich wieder zu verheiraten. Im März wurde sie auf das Amtshaus Ahlden am Ufer der Alten Leine im Hoheitsgebiet ihres Vaters gebracht, wo sie für den Rest ihres Lebens, 32 Jahre, luxuriös gefangen saß. Bis zu ihrem Tode 1726 sah sie weder ihre Kinder noch ihren Vater wieder. Nur ihre Mutter durfte sie besuchen. Ihre Tochter wurde Königin von Preußen, die Mutter Friedrichs des Großen; ihr geschiedener Mann bestieg 1714 als Georg I. den englischen Thron. Ihr Sohn folgte als Georg II. nach.

Die Liebesaffäre war der großen Politik in die Quere gekommen. Wenn es der Prinzessin gelungen wäre, mit Königsmarck „heimlich aus dem Lande zu ziehen“, wären die Folgen für Ernst Augusts noch wackelige Neunte Kur nicht zu kalkulieren gewesen. In Wolfenbüttel und Dresden, wohin das Paar sich hätte wenden können, saßen Ernst Augusts Feinde. Sein Vetter Anton Ulrich führte die Fürstenopposition gegen die Neunte Kur an. Mit Sachsen bestanden schwerwiegende Differenzen über die Erbfolge im Herzogtum Sachsen-Lauenburg. Die Flucht der Prinzessin hätte, wie Vizekanzler Ludolf Hugo in seinem Rechtsgutachten zur Scheidung schrieb, wohlweislich ohne Königsmarck zu erwähnen, zur Folge gehabt, daß „die sehr erbitterten, teils mächtigen und in der Ruinierung dieses Hauses sich interessiert zeigenden adversarii es zur Gelegenheit arripirt hätten, ihre üblen Intentiones wider dasselbe ins Werk zu richten“.

Ärger mit Sachsen gab es trotzdem. August der Starke verlangte drohend, seinen frischgebackenen General herauszugeben; außerdem hatte sich Königsmarcks schöne Schwester Maria Aurora hilfesuchend an ihn gewandt, sie nährte seinen Zorn gegen Hannover. Ihre Bemühungen brachten ihren Bruder nicht zurück, machten sie jedoch kurzzeitig zur Mätresse Augusts. Ihr Sohn, der 1696 geborene Moritz von Sachsen, zeichnete in seinen Memoiren das Schicksal seines Onkels nach. Moritz starb 1750 als der letzte Ableger der schwedischen Königsmarcks.