Das Schreiben, das Kultursenator Volker Hassemer im Januar ins Haus flatterte, klang erst wie eine Kündigung. Absender war Herbert von Karajan: "Es ist Ihnen wahrscheinlich bekannt, daß ich die vergangenen zehn Jahre unter den verschiedenartigsten Krankheiten zu leiden hatte..."

Doch dann entpuppte sich der Brief als die bloße Bekanntgabe einer neuen Programmplanung. Der Maestro teilte in knappen Sätzen mit, welche Konzerte er zu geben und welche er zu streichen gedenke. Beibehalten will er das Salzburger Sommerfestival, seine privaten Osterfestspiele, die Musikfestwochen in Luzern, Reisen in Europa und nach Übersee. Um die Hälfte reduzieren dagegen will er die zwölf Berliner Konzerte, zu denen er als Chefdirigent des teuren philharmonischen Orchesters verpflichtet ist. Damit wäre sein Lebenszeitvertrag verletzt.

Will Karajan einen neuen Vertrag, der ihn von den lästigen Berlin-Verpflichtungen weitgehend befreit? Ohne das Orchester und den parlamentarischen Kulturausschuß zu informieren, flog Senator Hassemer zu Gesprächen nach Salzburg. Aus dem Orchester sind Mißtöne zu hören. "Bei der jetzigen Reduzierung der Konzerte mit dem Chefdirigenten haben wir niemanden, der uns künstlerisch prägt", beklagte Orchestervorstand Klaus Häussler öffentlich.

Weder die Bundesbürger, die Steuergelder für Berlin-Subventionen zahlen, noch die süd-, ost- und nordeuropäischen Länder konnten Karajan in den letzten Jahren live erleben. Der Meister aus Salzburg spielt lieber in Amerika und Japan; dort gibt es mehr Geld – für ihn und für die Columbia Artist Management Inc., wo er unter Vertrag ist.

Die New Yorker Firma verlangte vor einem Jahr für ein Gastspiel in Taiwan 600 000 Mark, obwohl das Orchester auf Senatskosten reiste. Zusätzlich sollen 350 000 Dollar für zehn fertig produzierte Fernsehprogramme mit Herbert von Karajan (und den Wiener Philharmonikern) bezahlt werden. Man verzichtete.

Die Berliner SPD ist auf Seiten der Philharmoniker. "Wenn es Karajan mit dem Orchester und dem Musikleben in der Stadt gut meint, darf er nicht an seiner Position festhalten. So wie es jetzt ist, kann es nicht weitergehen", sagte SPD-Kultursprecher Dietmar Staffelt. D.H.

West-Berlin