ZEIT: Rupert Neudeck wirft Hilfsorganisationen vor, indirekt den Krieg im Sudan mitzufinanzieren: Von einer gespendeten Mark würden nur 40 Pfennig bei den Empfängern ankommen. Verlängert humanitäre Hilfe den Bürgerkrieg?

Henselder-Barzel: Erstens: Ein Mißbrauch von humanitärer Hilfe in solchen Fällen ist nie auszuschließen. Zweitens: Die Deutsche Welthungerhilfe verteilt in den Bürgerkriegsgebieten im Südsudan keine Nahrungsmittel, da wir keinen direkten Zugang zu den dort hungernden Menschen haben und wir vermeiden wollen, daß die Hilfsgüter in dunklen Kanälen verschwinden.

ZEIT: Die Nahrungsmittel werden im Sudan über die Armee verteilt. Die Soldaten verkaufen die Hilfsgüter an die Hungernden. Hungerhilfe als Zubrot für die Krieger?

Henselder-Barzel: Wenn die Recherchen von Herrn Neudeck stimmen, dann sollten NROs, alle die im Süden arbeiten, versuchen, dort direkt zu verteilen. Keinesfalls darf dies über die sudanesische Regierung geschehen, denn diesen Mißbrauch der Hilfe dürfen wir nicht akzeptieren.

ZEIT: Ein weiterer Vorwurf von Rupert Neudeck lautet, die sudanesische Regierung nutze die Verteilung von Nahrungsmitteln, um die Islamisierung des Landes voranzutreiben. Inwieweit können die NROs verantworten, die Islamisierungspolitik zu unterstützen?

Henselder-Barzel: Hier sehen wir den weiteren Mißbrauch der Nahrungsmittelhilfe zur Durchsetzung eines Ziels einer Bürgerkriegspartei. Auch hier kann die Antwort nur heißen, direkt an die Hungernden zu verteilen.

ZEIT: Wenn Sie die Zustände im Sudan insgesamt betrachten: Halten Sie nicht im Moment einen Hilfestopp für sinnvoller, als weiter zu versuchen, dort Nahrungsmittelhilfe zu leisten und letztlich nur den Krieg zu finanzieren?

Henselder-Barzel: Diese Frage ist das ewige Dilemma, in dem sich alle Hilfswerke befinden. Sollen wir wissentlich akzeptieren, daß Menschen verhungern? Wenn wir nicht helfen, wissen wir, daß die Menschen sterben werden; helfen wir, so unterstützen wir eine Seite im Bürgerkrieg. Wir haben praktisch nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Die Antwort kann nur sein zu versuchen, eigenständig die Nahrungsmittel in diesen Gebieten zu verteilen. Ist das aber nicht möglich, dann muß man die Konsequenz ziehen. Ansonsten weiß ich keinen Ausweg. In Äthiopien haben wir trotzdem verteilt, und das war gut so. In Äthiopien hatte die Deutsche Welthungerhilfe auch jederzeit die Kontrolle über die Verwendung der Nahrungsmittel.

ZEIT: Es erscheint ohnehin widersinnig, daß die sudanesische Ernte 1988/89 eines der besten Ergebnisse seit Jahrzehnten erbringt, andererseits ohne Nahrungsmittelhilfe ein Großteil der Bevölkerung vom Hungertod bedroht ist.

Henselder-Barzel: Sehen wir einmal vom Krieg ab, der die Not im Süden des Sudan verursacht. Beim allgemeinen Hunger in der Dritten Welt bei gleichzeitig ausreichender Nahrungsmittelproduktion haben wir es mit einem grundsätzlichen Problem der Entwicklungsländer zu tun. Hunger ist die Folge von Armut und fehlender Massenkaufkraft. Immer mehr Menschen fehlt es an Einkommen, um sich die Nahrungsmittel zu kaufen. Gleichzeitig tätigen die Regierungen hohe Militärausgaben. Andererseits müssen eben diese Bauern, die die hohe Ernte eingebracht haben, ja auch verdienen, um ihre Produktionskosten zu decken. Und der Markt bezahlt ihnen das nicht. Eine vernünftige Entwicklungshilfe wäre es, mitzuhelfen, die Massenkaufkraft zu steigern. Nur in akuten Hungerkrisen dürfen Nahrungsmittel kostenlos verteilt werden.

ZEIT: Wie beurteilen Sie die Rolle der europäischen Länder in diesem Zusammenhang? Durch Abbau der eigenen Überschüsse trägt die EG doch dazu bei, die Nahrungsmittelpreise auch im Sudan zu verderben. Gleichzeitig führt ein Subventionswettlauf dazu, daß der Sudan die Getreidesorte Sorghum in die EG exportiert.

Henselder-Barzel: Im Fall des Sudans treffen diese Vorwürfe primär die Vereinigten Staaten, nicht hingegen die Kommission der Europäischen Gemeinschaft. Aber einige EG-Mitgliedstaaten haben bilateral Nahrungsmittelhilfe geleistet. Hier zeigt sich das gesamte Dilemma der Nahrungsmittelhilfe: Wenn mehr Nahrungsmittel geliefert werden, als es die strukturelle Unterversorgung verlangt, geht das immer zu Lasten der Eigenproduktion. Diese Art der Nahrungsmittelhilfe muß endlich eingestellt werden, weil sie kein Instrument der Entwicklungshilfe ist. Im Klartext: Man soll technische Hilfe leisten, Kapitalhilfe leisten und keine Nahrungsmittelhilfe.

ZEIT: Aber derzeit gilt doch im Sudan: Die sogenannte Nahrungsmittelhilfe bedroht die einheimische Produktion der Kleinbauern.

Henselder-Barzel: Ja, die Nahrungsmittelhilfe der Vereinigten Staaten hat dazu geführt, daß sudanesisches Sorghum aus dem Markt verdrängt wurde. Plötzlich wird der Sudan zum Exportland für Sorghum, und dieses Sorghum wird nun in die EG exportiert. Dies wiederum bedroht die Kleinbauern in der EG in ihrer Existenz, weil die nur mit Subventionen Sorghum anbauen können. Hier zeigt sich das ganze Dilemma „Agrarprotektionismus“. Eine Spirale, die Eigendynamik entwickelt, die außer jeder Kontrolle gerät.

ZEIT: Was dazu führt, daß eiweißhaltiges Sorghum an EG-Vieh verfüttert wird und die Menschen im Sudan nährstoffarmes Weizenmehl essen.

Henselder-Barzel: Zynisch betrachtet ist das das Ergebnis.

ZEIT: EG-Agrarpolitik und EG-Entwicklungspolitik stehen da offensichtlich im Widerspruch.

Henselder-Barzel: Dieser Widerspruch ist fundamental, weil durch das Agrar-Dumping, das die EG betreibt, den Entwicklungsländern nicht nur Absatzmärkte in der großen EG verlorengehen. Auch in Drittländern und sogar im eigenen Land können die afrikanischen Bauern nicht mit subventionierten EG-Produkten konkurrieren.

ZEIT: Kurzfristig droht Nahrungsmittelhilfe im Sudan den Krieg zu verlängern, langfristig ist die Agrarproduktion des Landes gefährdet. Inwieweit kann eine Organisation wie die Deutsche Welthungerhilfe unter diesen Zuständen überhaupt sinnvolle Arbeit leisten?

Henselder-Barzel: Wir sind eine nichtstaatliche Organisation ohne viel Geld, vor allem ohne politische Macht. Bei Menschenrechtsverletzungen, bei Mißbrauch der Hilfe für die Hungernden ist die Weltöffentlichkeit gefordert, sind alle Regierungen gefordert, so viel Druck auf die sudanesische Regierung auszuüben, daß ein Mißbrauch der Hilfe nicht stattfinden kann.

ZEIT: Konkret: Wie können Ihnen das Auswärtige Amt oder das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit helfen?

Henselder-Barzel: Wir fordern seit langem eine Regelung wie sie für das Internationale Rote Kreuz besteht, nämlich freie Passage für die Verteilung der Lebensmittel, freien Zugang zu den Hungergebieten. Die Bundesregierung könnte, wenn sie über Kapitalhilfe verhandelt, es zu einer Bedingung machen, daß die Hilfswerke frei arbeiten können und freie Passage haben in Notstandsgebieten. Das wäre ein Schritt nach vorn.