Von Bartholomäus Grill

Troschenreuth wirkt so, als wolle es gar nicht wahrgenommen werden: Unscheinbar duckt sich das oberfränkische Dorf in eine Mulde der "Steinpfalz", wie die Einheimischen ihren kargen, unfruchtbaren Landstrich nennen. Eine schmucklose Kirche inmitten von 151 meist schlichten Häusern, 700 Seelen und vier Wirtshäuser – das ist Troschenreuth. Reisende verirren sich nur alle heiligen Zeiten hierher.

Dennoch ist der Ort seit der bayerischen Landtagswahl im Jahre 1986 bundesweit bekannt: 46 Prozent der wahlberechtigten Troschenreuther stimmten für die Republikaner – deutscher Rekord, aufgestellt ausgerechnet in einer rabenschwarzen Gegend, in der die Vormachtstellung der CSU unangreifbar schien.

Es ist Rosenmontag, und beim "Roten Ochsen" findet ein Faschingsball statt. Unten in der Gaststube sitzen ein paar angegraute Mannsbilder, denen "da Schmarr’n" oben im Saal zu groß ist. Sie trinken und ratschen. Die Tür öffnet sich, herein tritt ein Inder. Ein angetrunkener Halbstarker lädt ihn ein, mit zum Kostümfest zu kommen. "Aber ich habe keine Maske", erwidert der Angesprochene. "Macht nix, dein Gesicht reicht!"

Ausländerfeindlichkeit – ein Grundstein auch dieser Republikaner-Hochburg? Da sagt einer der Zecher stolz: "Das ist unser Herr Pfarrer, ein ganz gescheiter und beliebter Mann." Außer dem Priester aus Fernost lebt im Dorf nur noch ein anderer Ausländer; der ist Tscheche und managt das lokale Eishockey-Freizeitteam.

Asylanten- oder Aussiedlerlager gibt es weit und breit nicht. Auch Arbeitslosigkeit bedrückt die Troschenreuther kaum. Wohnungsprobleme haben noch nie existiert. Man müsse sich eher bemühen, die Leute hier zu halten, bekennt der Ortssprecher. Die Gebietsreform von 1972, die in manchen Landkreisen halbe Volksaufstände gegen die CSU-Regierung provoziert hatte, war den Troschenreuthern nur recht – sie wollten lieber zu Oberfranken als zur Oberpfalz gehören.

Wie erklären sich die Dorfbewohner den Triumph der Republikaner in ihrer und anderen oberfränkischen Kommunen wie im nahen Pegnitz, wo die Schönhuber-Partei beachtliche 10,4 Prozent einheimste? "Ja mei, so is halt", sagt einer abwehrend. Keiner rückt so recht raus mit der Sprache. Aber im Verlaufe des Abends erfährt man dann doch, was ihnen "stinkt": Die Volksferne und Arroganz der Mächtigen, die weit weg in München residieren und die Peripherie vernachlässigen; das Unvermögen konservativer Politiker, eine wirkliche Wende herbeizuführen und zum Beispiel den Einwandererzustrom zu stoppen, die Folgen der Gesundheitsreform; der peinliche Büßerton, wenn Deutsche über ihre Geschichte sprechen.