Von Kay Ingwersen

Sarau

Das Dorf Sarau an der Trave ist ein Flecken wie viele andere in Holstein: 800 Einwohner, eine Poststelle, ein Fußballplatz, ein Gasthof und eine germanische Thingstätte, markiert durch einen Stein mit der Jahreszahl 1109. Für diese Gemeinde, in der die SPD mit einer Mehrheit von 59 Prozent regiert und die NPD bei Wahlen gerade zwei Stimmen bekommt, interessiert sich seit drei Jahren ein Mann, der sich als Autor mit Arbeiten über die Nazizeit einen Namen gemacht hat. Gerhard Hoch, pensionierter Bibliothekar, schrieb unter anderem ein Buch über Kaltenkirchen unter dem Hakenkreuz, das in Schulen als Geschichtslektüre benutzt wird. Hoch will am kleinen Beispiel zeigen, wie es zur großen Katastrophe kommen konnte.

Bei seinen Nachforschungen hatte er erfahren, daß 1945 in Sarau zwei Züge mit Gefangenen angekommen waren, einer aus Blankenburg im Harz, ein anderer mit jüdischen Häftlingen aus dem Konzentrationslager Auschwitz-Fürstengrube. Der Zug aus Fürstengrube wurde geführt von dem SS-Oberscharführer Max Schmidt, der in Sarau aufgewachsen ist und heute noch in der Gemeinde lebt. Die Gefangenen mußten auf den Gütern von Sarau arbeiten. Von vielen blieb damals nur ein trostloses Holzkreuz am Rande der Höfe. Doch auch diese Spuren wurden nach wenigen Monaten beseitigt. Heute erinnert an die Vorkommnisse nur noch ein schlichter Stein auf dem Friedhof mit der eingemeißelten Aufschrift: „Pelagia Schiskowa aus der Ukraine, 1908–42“.

Hoch wollte mehr wissen. Er befragte Augenzeugen und redete mit ehemaligen Arbeiterinnen der Güter Glasau und Siblin, auf denen die Gefangenen untergebracht waren. Auf der Suche nach Zeugnissen über die braune Zeit bemühte er sich auch um Einsicht in die Kirchenchronik des ehemaligen Dorfpastors Hesse.

Doch die Sarauer Pastorin Hanne-Lore Großmann lehnte ab. Der Kirchenvorstand hatte nach Hochs schriftlicher Anfrage beschlossen, „daß nur der Probst und der Bischof in die Chronik Einsicht nehmen kann“. Als Hochs Vorhaben, über die damaligen Ereignisse in Sarau ein Buch zu schreiben, bekannt wurde, stieß er auch an anderer Stelle auf Schweigen. Die Arbeiterinnen sprachen nun nicht mehr mit ihm, und seine eigenen Genossen teilten dem SPD-Mitglied Hoch mit: „Wir wünschen Dich nicht zu empfangen.“ Wenn er mit seinem Auto im Dorf herumfuhr, klingelte im Gemeindehaus warnend das Telephon.

Die Leute reagierten mit Angst auf Hochs Recherchen. Die Pastorin sah in dem, was er zutage förderte, „für uns den Stachel im Gewissen“ und fürchtete um den Gemeindefrieden. Sie ist erst 1981 nach Sarau gekommen und hat lange um das Vertrauen der Dorfbewohner kämpfen müssen. Sie kennt ihre Holsteiner, die über „damals“ nur untereinander reden, Fremden gegenüber überhaupt nicht. Sie möchte den ehemaligen SS-Mann Max Schmidt nicht aus der Gemeinde ausgegrenzt sehen und vor allem den damaligen Pastor Hesse und seine Familie schützen.