Von Fredy Gsteiger

Jerusalem, im Februar

Fast menschenleer sind die engen Gassen in Jerusalems Altstadt nach Einbruch der Dunkelheit. Mitunter huscht eine schemenhafte Gestalt im Nieselregen vorbei; die Schritte hallen noch lange nach. In einem Torweg kauert ein Araber und kocht Kaffee auf einer Gasflamme. Bedächtig reibt er sich die Hände über der dampfenden Flüssigkeit. Es ist kalt im Jerusalemer Winter. Sämtliche Geschäfte sind verrammelt. Eisenrolläden mit vorgehängten Stahlketten sichern die Waren. Man weiß, daß sie da sind. Denn bis vor 14 Monaten hat man sie noch gesehen; und auch jetzt noch sind sie zuweilen sichtbar – am Vormittag, wenn die Läden in Alt-Jerusalem für ein paar Stunden öffnen. Doch jetzt könnte man sich in einer Geisterstadt befinden: Die vielen Kneipen, Cafés und Teestuben sind – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – geschlossen. Eine Urlaubergruppe läuft, entnervt von der Suche, aufs Damaskus-Tor zu, um außerhalb der Stadtmauern etwas Eßbares aufzutreiben. So hatten sie sich die weltberühmte Altstadt nicht vorgestellt.

Wie maßlos muß die Erbitterung der Araber sein, um nun schon über ein Jahr lang eine quirlige Stadt derart zu verwandeln, um schmerzliche Umsatzeinbußen auf sich zu nehmen, um dem Drängen der Kreditgeber immer noch zu widerstehen. Jerusalems Altstadt ist eines der am dichtesten bevölkerten Stadtviertel der Welt: Jetzt verstecken sich die vielen Menschen hinter Mauern: aus Protest die Araber; aus Angst die Juden.

In der Via Dolorosa, dem Leidensweg Christi, erklingt Sprechgesang und rhythmisches, metallisches Scheppern. Vier Soldaten im grünen Kampfanzug stehen in der verwaisten Gasse Wache. Wofür? Wogegen? Ihre hölzernen Schlagstöcke lehnen an einer Jalousie; in ihren Gürteln stecken Tränengaspatronen. Die Soldaten singen und klopfen mit den Händen dazu den Takt auf die Magazine ihrer Waffen. – Ob ich Amerikaner sei? Ob ich wenigstens Zigaretten dabeihabe? Sie scheinen froh, ein paar Worte wechseln zu können. Frustration hört man daraus. Und auch Angst. Nicht so sehr vor den Steinen, die jederzeit aus dem Schutz der Dunkelheit geworfen werden könnten, als davor, nicht zu wissen, wie darauf zu reagieren wäre. Wie sagte doch ein paar Tage zuvor ein Soldat, der mit zwei Kollegen als Anhalter an der Straße nach Jericho gewartet hatte: "Unsere Vorgesetzten sind ratlos, wenn wir sie bedrängen, ob denn die Maschinenpistole die richtige Antwort auf Kinder mit Steinen sei." Und mit ausholender Geste aus dem Wagenfenster deutend: "In diesem Land gibt es viele Steine." Steine, die der Verständigung im Weg liegen.

An diese Soldaten hat Ari Rath, der Chefredakteur der Jerusalem Post wohl gedacht, als er sagte: "Die jungen Soldaten befinden sich, auch hier in dieser Stadt, immer wieder in Situationen, denen sie nicht gewachsen sind; alleingelassen mit ihren – Ängsten, mit ihren Instinkten."

Von der Jaffa Road in West-Jerusalem dringt Autolärm ins Büro von Teddy Kollek im dritten Stock des Rathauses. Auf das Fenster zur Jaffa Road weist der 78jährige Bürgermeister, der die Stadt Davids seit 24 Jahren regiert und sich am 28. Februar zum sechsten Mal zur Wahl stellt: "Menschen auf den Gehsteigen, Straßenverkehr, Licht in den Geschäften, die Busse fahren ... Jerusalem ist keine gelähmte Stadt. Sie lebt, sie funktioniert", meint Kollek in seinem breiten Wiener Dialekt. Und er, der sich seit Jahrzehnten so geschickt der Medien zu bedienen weiß, um Sympathie für seine Stadt zu werben, hebt gleich an zur Medienschelte: "Negatives über Jerusalem findet überall Eingang. Sprechen wir doch einmal vom Positiven." Jerusalem sei nicht die Westbank, nicht der Gaza-Streifen – darauf legt Kollek Wert: "In 14 Monaten Intifada ist ein arabischer Jugendlicher hier getötet worden – gegenüber mehr als 300 auf der Westbank. Bereits dieses eine Opfer ist schrecklich, ist zuviel. Aber wahren wir doch die Verhältnismäßigkeit."