Von Jürgen Krönig

Oxford, im Februar

Am Ende seines Auftritts in. Oxford waren alle Verkrampfungen gewichen, da hatte sich Ernst Nolte freigesprochen, beantwortete er in zügigem Englisch die Fragen, die aus dem Auditorium in der überfüllten Lecture Hall an ihn gerichtet wurden. Nichts war mehr zu spüren von der Beklemmung, die sich zu Beginn des Vortrages über den "Europäischen Bürgerkrieg 1917 – 45" immer wieder in einem unterdrückten, nervösen Hüsteln geäußert hat. In der letzten Antwort wagte der Professor aus Berlin – eine große elegante, silberhaarige Erscheinung, wie der Sunday Telegraph seinen Lesern mitteilte – einen Scherz, der für die Ohren mancher seiner Zuhörer vielleicht etwas frivol klingen mochte. Hitler habe seiner Überzeugung nach in der Schlußphase der Naziherrschaft immer mehr die Entscheidungen an sich gezogen, in diesem Sinne sei er, "und ich bitte Sie, mich nicht mißzuverstehen, ein Hitlerianer".

Die Anspielung wurde offenbar richtig verstanden – so als habe man dem im deutschen "Historikerstreit" alles entscheidenden Manne zugehört. Die Zuhörer bedachten Nolte mit Beifall, der längst nicht nur purer Höflichkeit entsprang, obgleich man in Oxford auf zivilisierte Umgangsformen hält. Einer jener Wissenschaftler, die Nolte lieber nicht in der englischen Elite-Universität gesehen hätten, verließ kommentarlos den Saal. Ein junger Mann flüsterte seiner Begleiterin etwas zu, das so klang wie: "Der hat Kreide gefressen; was denkt der wirklich, wenn er das schon ausspricht?" "Sehr interessant und kühn", meinte ein geistlicher Herr, mehr nachdenklich denn zustimmend. Als er merkte, daß er einen deutschen Besucher vor sich hatte, stellte er mit einem Hauch Mitgefühl fest, die Deutschen hätten es schon schwer im Umgang mit ihrer Geschichte: "Für uns als Inselvolk ist das leichter als für Sie in der Mitte Europas", fügte er, fast entschuldigend, hinzu; er schien nicht zu wissen, daß schon solch ein in Großbritannien fast selbstverständlicher Hinweis auf den Zusammenhang von Geographie und Geschichte im deutschen "Historikerstreit" bei manchen heftigen Widerspruch ausgelöst hätte, als sei Deutschlands Sonderweg in die Katastrophe nur das Produkt seiner Mittellage zwischen den europäischen Mächten gewesen.

Das gebrochene Verhältnis der Deutschen zur eigenen Geschichte, die Versuche, das durch "Historisierung" zu ändern oder darauf zu beharren, "weil man nicht wegsehen darf", ist den Briten letzthin viel bewußter geworden. Jenninger-Rücktritt, Republikanererfolg, der Modernisierungs-Konflikt in der Nato mit seinen Nebentönen (Bündnistreue der Westdeutschen, die Sorge um die Haltbarkeit des status quo in Mitteleuropa) – diese Stichworte lassen die politische Klasse in Großbritannien genauer nach Deutschland schauen. So stand im Economist am Tag des Nolte-Vortrags zu lesen, "manche Leute zerbrechen sich gerne über die Deutschen den Kopf, und die Geschichte hat sie nicht immer widerlegt."

Als "sehr deutsch" empfindet einer der Nolte-Gastgeber, der Oxforder Professer Peter Pulzer, ein Experte für europäischen Antisemitismus, den "Historikerstreit"; er tritt den "Revisionisten" eher ablehnend, gleichwohl mit jener Gelassenheit gegenüber, die aus größerer Distanz erwächst. "Ein deprimierender Zug der modernen Deutschen ist ihre verzweifelte, durch die jüngste Geschichte verursachte Furcht, in irgendeiner Weise reaktionär zu erscheinen", beschrieb Gavim Stamp, Kolumnist des Spectator und des Independent, seine Eindrücke nach einer Reise durch die Bundesrepublik. Ernst Nolte, dem Mann im Zentrum des "Historikerstreits", war der Ruf nach Oxford vorausgeeilt, gegen solche Furcht gefeit zu sein bei seinem Bemühen, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten, auch wenn er sich gleich nach der Ankunft besorgt bei den Gastgebern erkundigte, ob mit "linken Protestaktionen" zu rechnen sei. Man habe ihn schon in Deutschland auf eine solche Möglichkeit hingewiesen. Vielleicht war er auch irritiert darüber, daß die Initiatoren seines Vortrages in liebenswürdiger Unbefangenheit ihn gleich beim Mittagessen mit der Anwesenheit eines deutschen Journalisten überraschten.

Seine Sorge erwies sich als ebenso unbegründet wie die kurze Einführungsrede von Professor Pulzer, der sicherheitshalber aus John Stuart Mills Essay "On Liberty" (Über die Freiheit) jene Passage zitierte, in der alle verurteilt werden, "die sich weigern, zuzuhören, weil sie von der Unfehlbarkeit ihrer Auffassung überzeugt sind". Zuhören aber wollten alle, die sich im Saal der Examination Schools eingefunden hatten.

Nolte sagte nichts Neues, jedenfalls nicht für die Kenner der deutschen Diskussion; er referierte die Thesen, die er in seinem letzten Buch auf fast 600 Seiten ausgebreitet hat: Bolschewismus und Nationalsozialismus als antagonistische Kräfte in einem europäischen Konflikt; der Nationalsozialismus als direkte Reaktion auf die Gefahr der kommunistisch-bolschewistischen Weltrevolution; die Analogie zwischen der "sozialen Vernichtungsstrategie" Stalins und der "biologischen" Hitlers, zwischen denen für Nolte zwar eine historische, nicht aber moralische Unterscheidung erlaubt sei; schließlich noch die mit Nachdruck vertretene Auffassung, daß der Anitsemitismus erst mörderisch wurde, als die bolschewistische Variante des Marxismus daranging, ihr Postulat von der Auslöschung einer Klasse, der Bourgeoisie, zu verwirklichen.

"Sorgfältig zusammengefügt und glatt poliert", meinte einer der Gastgeber, Professor Robert O’Neil, Spezialist für Geschichte des Krieges. Niemand wollte Nolte im übrigen nach möglichen politischen Folgen seiner Thesen fragen, nach dem, was in der Stammtischdiskussion von seiner "Suche nach den Grautönen" übrigbleibt. Nolte hätte sich da ohnehin nicht zuständig gefühlt. Es sei "Unfug zu sagen, weil die Republikaner da sind oder Herr von Thadden mich lobt, hättest du das Buch nicht schreiben sollen".

Wie’wolle er den "kausalen Nexus" zwischen Holocaust und Gulag erklären, wenn doch Hitler 1924 im Gefängnis sein Buch "Mein Kampf" lange vor den Stalinschen Greueln geschrieben habe? Der Fragesteller war ein deutsch-jüdischer Professor aus Wien, dem die Erregung anzusehen war, er zitterte am ganzen Körper. Hitler habe schon 1921 die Vernichtung der russischen Intelligenz durch die bolschewistische Oktoberrevolution erwähnt und bereits 1919 die Juden mit einer "Kollektivschuld" belegt, als "Urheber des Bolschewismus", lautete die Antwort Ernst Noltes, der sich sichtlich darum bemühte, zusätzliche Provokationen zu vermeiden. Er war zufrieden, daß seine These vom europäischen Bürgerkrieg vom Auditorium nicht ernstlich in Frage gestellt wurde. Seine Auffassung, der Antibolschewismus sei im Vergleich zum Antisemitismus das ursprünglichere historische Element, das – so räumte Nolte immerhin ein – sei eine "schwierige These", die einer "ernsthaften wissenschaftlichen Erörterung bedürfe". Leider sei sie in Deutschland bislang nicht möglich gewesen, diesen Seitenhieb auf seine Widersacher im "Historikerstreit" mochte er sich nicht verkneifen; zugleich war das als Kompliment für Oxford gedacht, dessen Ambiente einem sichtlich genervten Hochschullehrer aus der überfüllten Freien Universität Berlin des Jahres 89 wie ein paradiesisches Refugium erscheinen muß.

Beinah wäre ihm der Einlaß verwehrt geblieben. Das Wolfson College hatte ihn im vergangenen Jahr wieder ausgeladen, nachdem zwei Wissenschaftler, "offenbar in Erwartung einer Art Neonazi" (Peter Pulzer) protestierten und der Präsident des Colleges eine peinliche Kontroverse zu vermeiden trachtete. Mag sein, daß noch anderes mit im Spiel war: interne Machtkämpfe, Gerangel zwischen Jungtürken und Alt-Liberalen, vielleicht auch die Sorge um die Finanzen. Das Wolfson College wird unter anderem vom Medien-Tycoon Robert Maxwell unterstützt, der sich im letzten Jahr nach einer Holocaust-Konferenz bitter über die Vergeßlichkeit der Welt beklagt hatte.

Andere Wissenschaftler, gerade jene, die als "liberal" oder "links" eingestuft werden, wollten mit der Einladung an Nolte demonstrativ ein Zeichen setzen, gerade in einer Zeit, in der auch Oxford aufgrund des harten Londoner Sparkurses mehr denn je auf privates Mäzenatentum angewiesen ist: "Es darf kein Vetorecht gegen bestimmte Themen und Redner geben."

Solche Gelassenheit zu demonstrieren, fällt den Briten natürlich leichter; sie haben weder den deutschen Stammtisch noch die deutsche Geschichte zu bewältigen. So fragt sich ein "linker" britischer Historiker wie Stephen Howe, ob die im deutschen Streit kritisierten Historiker Nolte, Hillgruber und Stürmer gegen das "Dogma" aufbegehrten, der Nationalsozialismus sei schlechthin böse. Andererseits gibt er zu bedenken, die Annahme, der Holocaust sei einzigartig und unbegreiflich könne auch negative Folgen haben: "Sie kann dazu benutzt werden, andere Massenmorde unseres Jahrhunderts herunterzuspielen."

Die querelles allemandes in Oxford gehen weiter. Michael Stürmer referiert in einer Vorlesungsreihe "Außenpolitik des kaiserlichen Deutschlands und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges", veranstaltet von Ralph Dahrendorf am St. Antony’s College, über "Das deutsche Dilemma – ein Nationalstaat gegen Geschichte und Geographie"; der Bremer Historiker Imanuel Geiss hatte Pech, weil er zur gleichen Zeit wie Nolte antreten mußte. In Oxford will man ganz offenkundig wissen, wie die deutsche Diskussion "im Schatten Hitlers" weitergeht.