Waldheim lebt, Bernhard ist gestorben: Der Tod ist ein Österreicher, er ist in seiner Vorliebe für die Falschen so ungerecht wie dieses Volk der Banausen. Erst kannten sie ihn nicht; die längste Zeit wußten die bundesdeutschen Kulturniks, wohlgenährt mit Suhrkamp-Fastfood, viel mehr über Thomas Bernhard als seine Landsleute. Gebildet ist in Österreich, wer Bernhard schon kannte, ehe er wegen „Heldenplatz“ in die Zeitungen geriet.

Der wahre Präsident von Österreich, der diesem Volk so ähnlich war in seiner wohlbegründeten Wut über alles und jeden in diesem Land, wurde von seinen Landsleuten nicht geliebt. Er war ein typisch österreichischer Grantscherm (Gegreinscherben, Motzgefäß) – das ist einer, der durch ständige Herauskehrung von Wut ständig Besänftigung provozieren will: Der Grantscherm braucht viel Liebe und antwortet drauf mit noch mehr Grant zwecks noch mehr Liebe, usw. Dieses Ziel hat der österreichische Grantscherm Bernhard voll verfehlt. Auf seinen „Heldenplatz“ antworteten die Österreicher mit Liebesverweigerung. Drauf ist er gestorben.

Thomas Bernhard war wie Kaiser Franz Joseph, insofern sein Tod das Ende einer österreichischen Epoche darstellt. Sein Begräbnis erfolgt in der Abenddämmerung der Zweiten Republik, deren Untergang er im „Heldenplatz“ so hellsichtig vorausbeschrieben hat. Der Dichter Bernhard lieferte den dichtesten Kommentar zur österreichischen Zeitgeschichte.

Sein wildes Schimpfen auf fortdauernden und neuen Antisemitismus: peinlich korrekt. Seine Beschimpfung der katholischen Kirche: mit jedem neuernannten Bischof wirklichkeitsnäher. Seine Verachtung für Parteipolitiker aller Sorten: berechtigter mit jeder Sitzung des parlamentarischen „Lucona“-Ausschusses, in dem sie reihenweise versenkt werden – freilich wegen sehr österreichischer Korruption, sie halfen dem kriminell gewordenen Zuckerbäcker Udo Proksch, Betreiber der K.u.k. Hofkonditorei Demel.

Bernhard war Kaiser Franz Joseph auch insofern er einen viel schwächeren Nachfolger hat. Der Kaiser Karl der österreichischen Literatur heißt Christoph Ransmayr, fürchte ich, und damit geht das alte Reich endgültig flöten. Wie recht er hatte, Seher Bernhard: ein neues Reich ist nicht in Sicht.

Der tote Bernhard ist ein guter Bernhard. Nach dem nun Wehrlosen wird der nächste postmoderne Sozialwohnbau in Wien benannt werden, in Salzburg die nächste begrünte Parkanlage über der nächsten Tiefgarage in der Altstadt.

Dem sensiblen Piefke Peymann wird er sehr abgehen, den robusten Österreichern nicht. Sie werden es garnicht merken: Peymann ohne Bernhard ist der komplette Anschluß.