Von Joachim Reiner

Düsseldorf

Ich bin nicht bereit, mir einen Maulkorb umhängen zu lassen", vesprach Ingrid Strobl, als sie vergangene Woche am ersten Verhandlungstag dem 5. Strafsenat des Düsseldorfer Oberlandesgerichts ihre Bereitschaft zur Aussage signalisierte. Ein Aufatmen ging durch die Reihen der fensterlosen Trutzburg des OLG. Vor allem ehemalige Kolleginnen von Emma,die über den spektakulären Prozeß berichten, hofften auf ein Wort, das alle Widersprüche aufdecken könnte. Für sie und andere, die die 36 Jahre alte Österreicherin aus ihrer Kölner Zeit kennen, will alles nicht zusammenpassen: die Kollegin, die selbst bei Demonstrationen nie den Habitus einer Dame ablegte und stets das Wort als Waffe benutzte, und der Anklagevorwurf, als Mitglied der "Revolutionären Zellen" (RZ) einen der berühmt-berüchtigten Reisewecker der Marke Emes Sonochron gekauft zu haben. Mit Uhrteil und Summer dieses Weckers war nach RZ-Manier ein "Zündzeitverzögerer" für einen Bombenanschlag auf das Verwaltungsgebäude der Lufthansa in Köln am 28. Oktober 1986 gebastelt worden.

In einem Bekennerbrief erklärten die RZ, den Sprengsatz aus Protest gegen die Lufthansa gezündet zu haben, die Asylbewerber gegen ihren Willen in ihre Heimat zurückfliege, und aus Kritik an der Lufthansa-Tochter Condor, die Männer in "Bumsbombern" nach Asien transportiere. Der Wecker war vom Bundeskriminalamt auf der Rückseite markiert worden; über das Modell, dutzendmal von den RZ gebraucht, hoffte man, ihnen auf die Spur zu kommen. Ob sich die Beweiskette beim Wecker "6457" schließen läßt, ist eine zentrale Frage des Verfahrens.

Die Germanistin Ingrid Strobl hat sich als kritische Autorin einen Namen gemacht. "Ich glaube, daß ich schreiben kann, und ich glaube daher auch, daß ich Menschen überzeugen kann", schrieb sie im August 1988 zum Haftprüfungstermin. Vor Gericht wurde ihre Einlassung verlesen, weil sie ihr nichts mehr hinzufügen wollte, abgesehen von einem politischen Statement, in dem sie sich mit den Gefangenen der RAF im Hungerstreik solidarisierte.

Sie schweigt. Sie sagte nicht ein einziges Wort über ihren Lebenslauf und begründete das Verstummen mit dem Verhalten des Vorsitzenden Richters Klaus Arend: mit der gewaltsamen Vertreibung von Zuschauern nach donnerndem Applaus für die Angeklagte am ersten Verhandlungstag, mit dem Polizeiaufgebot draußen und drinnen (fast 40 der insgesamt 141 Zuhörerplätze sind von Polizisten in Zivil okkupiert), mit Arends wenig sensiblem, wenig souveränem Verhandlungsstil. Selbst nach zehn Jahren als Vorsitzender des Staatsschutzsenats reagiert er auf Polemik immer noch so gereizt wie am ersten Tag.

Die Angeklagte hat sich, überwältigt von der Solidarität einer bunten feministischen Szene und gezeichnet von 14 Monaten Untersuchungshaft, vielleicht auch in eine Märtyrerrolle drängen lassen. "Ich werde niemanden mehr überzeugen, wenn ich jetzt ... meine ganze politische Moral verrate, indem ich einen Menschen an diese menschenverachtende Maschinerie ausliefere", heißt es in ihrer Einlassung. Den Namen des Mannes, für den sie den Wecker gekauft haben will, will sie deshalb nicht verraten. "Das ehrt sie", bemerkte die Hamburger Journalistin Peggy Parnass, die einst über ihre Freundin Ulrike Meinhof berichten mußte, und fragte in der Pressekonferenz der Verteidigung: "Warum meldet er sich nicht?" Betretenes Schweigen, im Hinausgehen ein zynischer Kommentar aus der Kölner Szene: "Wie sollte er denn ..." Der große Unbekannte, der Mann namens X., ist seit Monaten untergetaucht.