Von Andreas Kilb

Es regnete. T. hatte sich mit den anderen unter das Vordach des Kinos gedrängt, wo sich die Menschen noch dichter zusammendrückten als drinnen im Foyer. Eine halbe Stunde noch. Eigentlich hatte T. nicht mehr gehofft, noch eine Karte für den Film zu bekommen, aber dann hatte ein Freund, der an diesem Abend nicht hingehen konnte, ihr seine geschenkt. Über den Regisseur hatte T. vor Wochen irgendwo einen Artikel gelesen; vor allem aber gefiel ihr der Titel des Films, weil darin das Wort „Liebe“ vorkam und der Film dennoch nicht aus Amerika war.

Der Film handelte von einem Jungen, der sich in eine Frau verliebt, die er von seinem Fenster aus beobachtet. Die Frau weist den Jungen ab, er folgt ihr trotzdem, und als sie ihn fragt, was er von ihr wolle, sagt er: „Nichts.“ Dann lädt die Frau den Jungen in ihre Wohnung ein, spielt mit ihm und macht sich über ihn lustig, und der Junge versucht sich umzubringen. Er stirbt aber nicht, und die Geschichte geht gut aus.

T. saß im Kino und weinte. Als es wieder hell wurde, hörte sie hinter sich zwei andere Zuschauer über den Film reden. „Na – und?“ „Gemischt. Der vorige Film von ihm hatte ’ne ganz andere Radikalität, auch im Schnitt.“ „Geht mir auch so. Und die Selbstmordszene war irgendwie too much. Ich schreib’ halt was Kürzeres.“

Da wußte T., daß sie die Kinokritiker haßte: weil sie ihr Leben in Meinungen verwandelten und ihre Tränen in Papier. Und weil sie nichts begriffen, vom Leben nichts und nichts vom Film.

*

Hollywood braucht keine Kritiker, Hollywood funktioniert, indem das Geld sich seinen Weg sucht. Die Traumfabrik ist immer so gut wie die Zuschauer, die sie ins Kino lockt.