Alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen, sagt der unvergessene Meister, ereignen sich sozusagen zweimal: Einmal als Tragödie und einmal als Farce. Wie haben wir damals den Wim Wenders bedauert, als er in Amerika herumsaß und jede Woche beim Produzenten Coppola mit einem neuen Drehbuch für seinen "Hammen" antanzen mußte! Coppola schmiß es ihm regelmäßig aus dem Fenster, hieß es ihn nochmal neu schreiben, gab das Drehbuch schließlich ganz in bewährte Hände und ließ dem deutschen Märtyrer nach fünfjähriger Quälerei sogar bei der Regie zur Hand gehen.

Wer sich nach Wenders noch an Hollywood verkauft, müßte also gewarnt sein; er darf sich jedenfalls nicht nachträglich darüber beschweren, wie schlecht die bösen Amerikaner den deutschen Künstler behandeln. Manche freilich sind nicht zu belehren.

Während die Bedienung noch das Geschirr und die Reste des Mittagessens abräumte, mit dem das ZDF die Besucher der Pressevorführung seiner neuen Serie "Hotels. Geschichte und Geschichten" verköstigt hatte, trat Bernhard Sinkel vor die prospektiven Zuschauer seiner Serie hin und nannte das, was wir gleich sehen würden, eine Zumutung. Ja, wirklich, es sei eine Zumutung, sich unter diesen Bedingungen – ein kaum zu lüftender Saal im Hamburger Hotel Atlantic, mehrere Monitore, die nicht in der Lage waren, den richtigen Ton wiederzugeben, und vor allem 400 Minuten Hemingway ohne größere Pause – einen Film anzusehen, in den er soviel von seiner Lebenszeit investiert habe. Er selber sei "sehr enttäuscht", weil sein Film, der keine Fernsehserie, sondern wie ein Roman und "sehr einzigartig" sei, in diesem Rahmen gezeigt werden müsse.

Ebenfalls "sehr enttäuscht", ja sogar "sehr wütend" zeigte sich Sinkel darüber, daß man ihm bei seinem "transatlantischen Film" am Ende noch den Schnitt weggenommen hat, daß die geldgebenden Amerikaner also seinen Film nach eigenem Gutdünken bearbeitet haben. Wir allerdings bekämen den Film in seiner integralen Fassung zu sehen. Weiter erzählte uns Sinkel, daß er Hemingways Männlichkeit immer als "sehr aggressiv" empfunden habe, daß er, Sinkel, deshalb viel über Frauenemanzipation gelesen habe, um sich mit dieser Männlichkeit auseinanderzusetzen. "Hemingway", der Film, enthalte viel von ihm selber, von Sinkel, der darum bitte, diesen Film als Fortsetzung seiner vorangegangenen Serie "Väter und Söhne" zu begreifen. Wie dort habe er sich auch diesmal wieder mit der "Söhnlichkeit" beschäftigt. Ja, "Söhnlichkeit", das hat er wirklich gesagt.

Bevor wir aber lange über diesen merkwürdigen Begriff hatten nachdenken können, begann schon der Film. Tränen laufen einem weißhaarigen alten Mann übers Gesicht: "Ich kann nicht mehr schreiben, mir fällt nichts mehr ein", sagt er entschuldigend. Ein jüngerer Mann, vermutlich der Hausarzt, nimmt ihm das geladene Gewehr aus der Hand, sagt, der ältere müsse unbedingt in eine Spezialklinik, und eine Frau, mutmaßlich die Ehefrau des alteren Mannes, nickt dazu. Im Auto auf dem Weg zur Klinik sagt der alte Mann: "Keiner ist wirklich frei, bevor er nicht den Tod ins Auge gefaßt hat."

Aber nicht der Tod kommt, sondern eine Rückblende. Wir sehen eine Trauung, sehen viele fröhliche Menschen, darunter den alten Mann, der plötzlich viel jünger ist; neben ihm eine ebenfalls junge hübsche Frau, mit der zusammen er sich nach der Hochzeit in Paris niederläßt. In Paris sieht es aus wie in Paris. "Ich bin in Paris, und es regnet", sagt der da noch junge Mann erwartungsgemäß, während er seine Frau umarmt. Ein Wunder, daß der Amerikaner nicht hinausgeht, einen Regenschirm aufspannt und zu singen anfängt. Aber das wäre ja ein anderer Film.

In diesem Film geht es nicht um leichtfertige Musicals, sondern um große Dinge. Draußen im Regen sehen wir eine Katze, die sich unter einem Markttisch verkrochen hat. Später wird daraus die Erzählung "Katze im Regen" werden. Aber noch ist es nicht soweit. Noch sitzt der junge Mann mit Schnurrbart und Baskenmütze im Café und liest sich die ersten "wahren Sätze" vor, die er geschrieben hat. Ach ja, natürlich, bei dem vielen Lokalkolorit hätten wir’s beinah übersehen: der Herr ist Autor, und zwar, wenn uns nicht alles täuscht, der Autor Ernest Hemingway.