Eine wichtige Entdeckung für die Geschichte der Zahnmedizin ist dem Freiburger Paläanthropologen Alfred Czarnetzki geglückt. Bei der Untersuchung von Skelettresten eines Mannes, der in der Göppinger Oberhofenkirche bestattet war, stellte er fest, daß dieser eine aus Flußpferdzahn geschnitzte Prothese trug. Sie ersetzte alle vier Schneidezähne des Oberkiefers. Aus der Baugeschichte der Kirche läßt sich abschätzen, daß der Träger des Zahnersatzes im 16. oder 17. Jahrhundert gelebt hat. Somit handelt es sich bei dem Fund um die älteste bisher bekannte Gebißprothese in Deutschland.

Noch ältere Prothesen hat man bei Mumien in Ägypten und Phönizien nachweisen können. Diese wurden aber mit großer Wahrscheinlichkeit erst nach dem Tode eingefügt, während der Göppinger sie zu Lebzeiten trug. Zwar kennt man aus historischer Zeit weitere Gebißprothesen, doch blieben in diesen Fällen nur die Spuren sichtbar, die sie an den Gebissen hinterlassen hatten. Mit dem berühmtesten erhaltenen Stück kaute der amerikanische Präsident Abraham Lincoln (1809-1865), dessen Wahl den Sezessionskrieg ausgelöst hatte und der von einem Rassenfanatiker erschossen wurde.

So dürfte der Göppinger Fund vermutlich die älteste bekannte, permanent getragene Gebißprothese der Welt darstellen. Dieses Meisterwerk der Zahnmedizin wurde auf Zehntel Millimeter genau zwischen den beiden Eckzähnen eingepaßt und mit Golddraht an diesen befestigt. Der Draht lief durch je eine Bohrung und war um den Eckzahn gewickelt. Mit dieser Konstruktion konnte der Mann zwar – mit Ausnahmen von weichen Nahrungsmitteln – nicht sonderlich gut beißen. Aber sie war handwerklich so ausgezeichnet hergestellt, daß sie beim Lachen kaum als Ersatz aufgefallen sein dürfte.

Der Göppinger Prothesenträger litt an einer schweren Knochenerkrankung, morbus Paget oder deformierende Osteodystrophie (= „Knochenfehlernährung“) genannt. Diese schleichende Knochenveränderung führt zu einer starken Verdickung und Verkrümmung an einem oder mehreren Knochen. Am Schädel kann sie eine Verengung der Gehirnkapsel bewirken, zu massiven Kopfschmerzen, rheumatischen Schmerzen und Krampfanfällen führen.

Bei dem Göppinger war fast das gesamte Skelett mit Ausnahme des Gesichtes, der Rippen sowie der Hand- und Fußknochen betroffen. Seine Skelettreste in der Oberhofenkirche wurden bei renovationsbedingten Grabungen des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg geborgen. Da er in der Kirche bestattet war und sich die Dienste eines meisterhaften Zahnarztes leisten konnte, gehörte der Prothesenträger sicherlich zu den höheren sozialen Schichten.

Damals studierten viele Deutsche an den berühmten Universitäten von Bologna und Florenz. Nachforschungen ergaben, daß zu dieser Zeit einige Zahnärzte wie Eucharius Seefried, Johannes Mosellanus oder Johann Morhard in Württemberg tätig waren, die in Italien studiert hatten.

Ernst Probst