Bei der Eröffnung des Kongresses der Europa-Bewegung in Brüssel sagte der Ehrenpräsident Winston Churchill: „Wir heißen in unserer Mitte auch die Vertreter jener großen Staaten und Völker als Freunde und Kameraden willkommen, mit denen wir noch vor kurzem in erbittertem Kampf gestanden haben.“ Und das hieß nichts anderes als: „Die Zukunft ist wichtiger als die Vergangenheit; Freundschaft ist fruchtbarer als Haß.“ Zukünftig und freundschaftlich war der Geist dieser Europakonferenz, und deshalb kam man ein gutes Stück vorwärts auf dem Wege zum Vereinten Europa.

In Brüssel tagte das inoffizielle Europa der Völker als Schrittmacher eines offiziellen Europas der Staaten. Das offizielle Europa wird sich demnächst in Paris versammeln, aber nur zehn Staaten werden dort vertreten sein, um das Statut eines Europa-Rats auszuarbeiten: Nur Italien, Schweden, Norwegen, Dänemark und Irland sind eingeladen worden, an den Beratungen Großbritanniens, Frankreichs und der Beneluxstaaten teilzunehmen. Aber man wird sich in Paris der Wirkung, die von Brüssel ausgeht, kaum ganz entziehen können. In Brüssel war man sich darüber einig, daß baldigst ein Europäisches Parlament gebildet werden soll, das von den Parlamenten der einzelnen europäischen Staaten zu wählen ist. Und unter den „politischen Grundsätzen“ von Brüssel findet sich die Forderung: „Westdeutschland und, sobald das möglich sein wird, ganz Deutschland muß eingeladen werden, sich in die neue Gemeinschaft einzugliedern, in der die Bürger aller Nationen die gleichen Rechte und Pflichten haben werden.“ Ebenso ist die Brüsseler Feststellung zur Ruhrfrage zu bewerten. Hiernach „darf das Ruhrstatut keine Ausnahme- und Sonderregelung bleiben, sondern muß einen Schritt zur Bildung einer gemeinsamen wirtschaftlichen Körperschaft für Westeuropa darstellen“.

Auf den meisten Konferenzen beschäftigt man sich zuviel mit Organisationen und Institutionen, zuwenig mit dem Menschen. Auch das war in Brüssel anders. Der Internationale Rat, zu dessen Präsidenten der französische Gewerkschaftsführer Léon Jouhaux gewählt wurde, nahm einstimmig eine Entschließung an, die den europäischen Staaten die Einsetzung eines obersten europäischen Gerichtshofs zur Wahrung der Menschenrechte vorschlägt. Dies bedeutet nichts anderes, als daß dem einzelnen Europäer auch gegen Übergriffe seines eigenen Staates das Recht der Beschwerde an das höchste europäische Gericht zustehen soll. Das ist erheblich mehr wert als die ewigen Erklärungen von Menschenrechten.

Die Europa-Bewegung wird nicht haltmachen. Sie will im April in Westminster eine Wirtschaftskonferenz und später in der Schweiz eine Kulturkonferenz abhalten. Man will nicht weltbürgerlich träumen, sondern europäisch arbeiten. Die abendländische Gemeinschaft vereinigt Konservative und Sozialisten, so wie sie Sieger und Besiegte umschließt.

Das Symbol dieser Brüderlichkeit war in Brüssel ein smaragdgrünes E auf weißem Grund: die Fahne Europas. Fr.