Von Christian Schmidt-Häuer

Unter der Überschrift "Revolution oder Evolution?" druckte die Komsomolskaja Prawda am vergangenen Wochenende die Frage einer Leserin: "Ist die proletarische Revolution in den Vereinigten Staaten heute möglich?" Die Antwort gab ein Historiker des Moskauer Amerika-Instituts: "Die kapitalistische Ordnung hat ein Niveau erreicht, das die klassische marxistische Theorie nicht vorsah. Der heutige Kapitalismus sichert der Mehrheit der Bevölkerung einen genügenden, in einigen Fällen sogar hohen Lebensstandard. Die reife bürgerliche Demokratie ist eine Rechtsgesellschaft. So ist die proletarische Revolution, meiner Ansicht nach, unmöglich."

Nach der Abkehr vom Revolutions-Export, nach der Wende von der globalen Konfrontation zur regionalen Kooperation beginnen die Reformer im Kreml jetzt mit dem Abriß ihres Denkgebäudes vom welthistorischen Prozeß. Was der kurze Leserbrief zum langen Abschied von den Klassikern des Kommunismus für die Parteijugend prosaisch protokolliert, das breitet ein aufsehenerregender Beitrag im jüngsten Kommunist für die Elite differenziert aus. Gorbatschows enger außenpolitischer Berater Georgij Schachnasarow verkündet darin, daß die "radikalen Veränderungen" in der westlichen Gesellschaftsordnung nicht nur die klassischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts über den Kapitalismus, sondern auch die gängige These vom staatsmonopolistischen Kapitalismus (Stamokap) überholt hätten.

Die Konsequenzen des marxistischen Denkmalsturzes sind noch gar nicht abzusehen. Er kann die Dogmatiker in der KPdSU weiter heranführen an den russischen Extremisten-Klub Pamjat, der Schachnasarow und der neuen Außenpolitik ohnehin schon die "Amerikanisierung" Rußlands unterstellt hatte. Der Abschied von Marx kann die Differenzen in und zwischen den sozialistischen Ländern verstärken, wo sich in diesen Tagen mit schwindelerregendem Tempo Veränderungen vollziehen. Und er kann schließlich im Westen weiter die Kluft zwischen denen vertiefen, die auf Demokratisierung im Osten hoffen, und jenen, die dort Destabilisierung ersehnen. Das Plädoyer gegen die Konfrontation zwischen den Systemen kann zur verstärkten Konfrontation innerhalb der Systeme führen.

Die These von der "fatalen Konfrontation" und "unversöhnlichen Feindschaft" sei durch die Veränderungen in der kapitalistischen Ordnung ad absurdum geführt worden, behauptet Schachnasarow. "Sozialisierung" und seriöser Wandel der westlichen Gesellschaften verlangten eine völlig neue Bewertung solcher Phänomene wie: öffentlicher Teilnahme an der Politik, hoher Entlohnung der Arbeit, komplexer Sozialversicherungssysteme.

Als Leitbild für die Sowjetunion nennt der Gorbatschow-Berater die Erfahrungen bei den Lösungen sozialer Probleme, die Schweden, Österreich und die Sozialdemokraten gemacht haben. Letztere seien "hinreichend eng mit dem realen Leben verbunden, pragmatischer, auf unmittelbare Ergebnisse ausgerichtet". Was solche Einsichten so lange verhindert habe? Erstens die kommunistische Vorstellung, daß die Entwicklung des Sozialismus nur das Ergebnis eines "Gewaltumbruchs" sein könne, nicht auch evolutionären Wandels. Zweitens das Dogma, daß es im Leben einer Gesellschaft keine "Legierungen", keine Vermischung verschiedener Elemente, geben dürfe – obwohl sie in der Natur ganz selbstverständlich seien.

Revolution durch Evolution? Zwar schließt Schachnasarow eine Konvergenz der Systeme aus. Doch sei es an der Zeit, globale Probleme nicht mehr auf der Ebene eines gespaltenen Bewußtseins und einer geteilten Welt anzugehen.