Es ist die große Liebesszene aus Nicholas Rays "Johnny Guitar", die Szene, in der Sterling Hayden Joan Crawford zwingt, Sätze der größten Sehnsucht herunterzubeten, als wären es Lügen. "Sag, daß du ewig auf mich warten würdest." "Ich würde ewig auf dich warten." "Sag, daß du mich immer noch so liebst, wie ich dich liebe." "Ich liebe dich immer noch so, wie du mich liebst." Pepa steht vor einem Studiomikrophon und spricht Joan Crawfords Text. Auf spanisch. Oder, in der deutschen Synchronfassung des Films, auf deutsch. In "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" werden Worte auf Bilder projiziert und umgekehrt. Man sieht, wie es gemacht wird: von Anfang an blicken wir ins Innere der Scheinwelt, in der der Film spielt. Das ist ein glänzender, aber auch riskanter Kunstgriff. Wie viele große Komödien wandelt Almodóvars Film knapp am Rande des Handlungszusammenbruchs.

"Ich würde ewig auf dich warten", haucht Pepa (Carmen Maura) mit Tränen in den Augen ins Mikrophon. Und vom Tonband antwortet die Stimme Ivans, des Mannes und Kollegen, den sie liebt und der sie verlassen hat: "Sag, daß du mich immer noch so liebst, wie .. .". Da bricht Pepa ohnmächtig zusammen. Eine Liebe im Studio: der eine leiert seinen Text glatt herunter, der andere erstickt daran.

Mit einer Szene im Synchronstudio, einem raffinierten Spiel mit der Wahrnehmung des Zuschauers, begann schon Pedro Almodóvars letzter Film "Das Gesetz der Begierde". Darin ging es um die Mißverständnisse und Zweideutigkeiten des Begehrens: Ein Regisseur liebt einen Jungen, der eine Frau liebt, die die Schwester des Regisseurs ist und einst ein Junge war, bevor sie sich verwandeln ließ. In "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" geht es, schöner und schlichter, um die Ungleichzeitigkeit der Liebe. Ivan hat Pepa im Stich gelassen, auf die nächste "Geschäfts"-Reise wird er eine andere mitnehmen, aber Lucia (Julieta Serrano), Ivans Uralt-Flamme und Mutter seines Sohnes, hat davon noch nichts gemerkt und schmiedet Rachepläne gegen die vermeintliche Rivalin. Die Gefühle laufen asynchron, sie verzahnen sich und bringen die Geschichte in Gang.

Almodóvars Geschichten werden erst dann kompliziert, wenn man sie nacherzählt; auf der Leinwand wirken sie schwerelos und gefällig. Ganz wie im klassischen Einakter laufen alle Fäden in Pepas Apartment zusammen. Es treten auf: Pepas Freundin Candela (Maria Barranco), die sich mit schiitischen Terroristen eingelassen hat und um ihr Leben fürchtet; Ivans Sohn Carlos (Antonio Banderas), der mit Freundin Marisa (Rossy de Palma) zur Wohnungsbesichtigung kommt; die rasende Lucia, vor kurzem erst aus der Nervenheilanstalt geflüchtet; ein Mann vom Telephon-Reparaturdienst; zwei Polizisten. Lauter Stereotypen, Figuren wie aus den "fotoromanzi", den Photoromanen, die in Spanien, Frankreich und Italien allwöchentlich von Millionen Lesern verschlungen werden. Almodóvar denkt nicht daran, so zu tun, als seien diese Gespenster wirkliche Menschen; im Gegenteil, er betont noch ihre Künstlichkeit: Ein Gespenst ist ein Gespenst ist ein Gespenst. Genau damit aber wird diese scheinbar harmlose Situationskomödie zum heimtückischen Gruppenporträt unserer Zeit.

Denn "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs" handelt, kaum verdeckt und auch nicht sehr verschlüsselt, von der Grundsituation der achtziger Jahre: der Sucht nach dem stilisierten, scheinhaften und unwirklichen Leben, nach der Lebens-Attitüde, dem Existenz-Design. So wie Pepa die Worte Joan Crawförds nachspricht, sprechen ihre Kleider und ihre Wohnungseinrichtung den ästhetischen "Text" der fünfziger Jahre nach; und so synchronisiert und adaptiert auch Almodóvar die Gesten und Stile einer abgelebten Kunstwelt, der amerikanischen high comedy der goldenen Dreißiger. Von Herrschaften und Angestellten, Betrügern und ehrlichen Herzen erzählten die high comedies, von Abenteuern in Paris und vom Ärger im Paradies, von atemberaubenden Roben, Pelzen und Karossen, von goldenen Telephonen und vergifteten Drinks. Almodóvar geht es um nichts anderes, nur daß er das Design aktualisiert hat.

Also statt der Herren und Diener: die Fleckerlmenschen von heute, ein bißchen angestellt, ein bißchen frei. Statt der Lebemänner und Betrüger: der abgetakelte, grauhaarige Macho und Ausredenerfinder Ivan. Statt der Diven: die kleine Schauspielerin und Synchronsprecherin Pepa, eher Hausfrau als Heldin (im Fernsehen macht sie für "Ecce Omo" Reklame). Statt der Roben und Pelze der Plastikkitsch der Freizeitindustrie. Statt der goldenen Telephone ein rotes, mit dem Pepa und Ivan per Anrufbeantworter kommunizieren und das Pepa in einem Moment echter Leidenschaft aus dem Fenster wirft. Und statt des vergifteten Martini ein mit Schlaftabletten gewürzter Gazpacho, mit dem unsere Heldin am Ende alle für den Showdown entbehrlichen Akteure außer Gefecht setzt.