Von Ulrich Schiller

Washington, Ende Februar

Die Gefangenen waren beim Abendspaziergang. Plötzlich schwebte ein Hubschrauber in die Spielecke des Gefängnishofes ein. Einer der Gefangenen rannte los, auf den Hubschrauber zu, zehn Meter noch: Da hob der schwarzgepinselte Chopper schon wieder ab und entschwand mit flatterndem Knall über die Zäune. Zurück blieb Werner Bruchhausen – bei einem Fluchtversuch auf frischer Tat ertappt.

Diese Szene beschrieben United Press International (UPI) und Associated Press (AP) zwei Tage nach Ablauf der Ereignisse am Abend des 27. August 1988 im Gefängnis Tallahassee, einer Haftanstalt verminderter Sicherheitsstufe in Florida. Beide Nachrichtenagenturen warteten in ihren Berichten mit Hintergrundmaterial auf, das ihnen Gefängnis- und Justizbehörden bereitwillig gegeben hatten und aus dem sich folgender Zusammenhang rekonstruieren läßt:

Werner Bruchhausen, 45, Bürger der Bundesrepublik, war im Mai 1987 wegen unerlaubten Exportes strategisch wichtiger Hochtechnologie-Güter zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Über Scheinfirmen in der Bundesrepublik und in Kalifornien soll er amerikanische Mikrowellenempfänger, Anlagen zur Halbleiterherstellung und Computer in die DDR und in die Sowjetunion geschafft haben. 1981 wurde in Los Angeles Anklage in 60 Punkten gegen Bruchhausen erhoben, doch er war nicht greifbar und – da in Deutschland – auch nicht auslieferbar. Erst als er 1985 nach England reiste und Scotland Yard wegen eines Dokumentenfehlers auffiel, wurde er verhaftet und ein Jahr später nach Amerika überstellt. Einen der größten "Technobanditen" nannte ihn der Chef der US-Zollbehörde, William von Rabb.

In den Berichten von UPI und AP heißt es weiter: Bruchhausen habe einen Mithäftling namens Edward Vaughn, der außerhalb des Gefängnisses arbeiten durfte, gebeten, seine Schwester in Deutschland und eine Bekannte in Los Angeles anzuweisen, seine Flucht in die Wege zu leiten. 250 000 Dollar habe Bruchhausen für seine Befreiung geboten.

Doch Vaughn war offenbar ein Polizeispitzel. Anfang August informierte er das US-Kriminalamt FBI und führte mit beiden Frauen Telephongespräche zum Mithören. Die Flucht sollte zwischen dem 23. und 27. August stattfinden. Zu diesem Zeitpunkt übernahmen vier Bundesbehörden, darunter FBI und Zoll, die Regie. "Bundesbeamte setzten einen getarnten Hubschrauber und einen Piloten des Zolls ein, um mit einer List den inhaftierten ‚Technobanditen‘ Werner Bruchhausen zu einem Fluchtversuch zu veranlassen", hieß es am 29. 8. 1988 bei UPI. Auch war der Agentur bekanntgeworden, daß die Fernsehstation WCTV in Tallahassee von anonymer Seite einen Hinweis bekommen hatte, im Gefängnis werde sich Interessantes ereignen.