Von Gerhard Seehase

Valeska Sierzniewski steht auf dem Türschild. „Die nennen mich hier alle ‚Frau Walli‘“, sagt sie, „weil der Name so schwer auszusprechen ist.“ Valeska S. ist 72 Jahre alt, vier Kinder hat sie großgezogen, jetzt lebt sie allein und bekommt eine Rente, die sie zwingt, jeden Groschen zweimal umzudrehen, bevor sie ihn ausgibt. Aber sie hat Sparsamkeit gelernt, und so beklagt sie sich nicht. „Im Krieg hatten wir ja auch nichts“, sagt sie.

Sie war glücklich, als sie erfuhr, daß sich ihre monatliche Rente zum 1. Juli 1988 von 577,02 Mark auf 594,33 Mark erhöhen würde. Aber sie nahm es auch hin, als sie beim Zusammenzählen feststellte, daß sie danach weniger hatte als vorher. Denn genau zu diesem Zeitpunkt hatte die SAGA, die „Gemeinnützige Siedlungs-Aktiengesellschaft Hamburg“, die Miete ihrer Sozialwohnung von 265,94 Mark auf 279,91 Mark heraufgesetzt. Obendrein wurde ihr auch noch die „Sozialhilfe zum Lebensunterhalt“ – sie bekommt diesen Zuschuß, weil sie an der unteren Grenze der Witwenrente liegt – von 117 auf 101 Mark gekürzt.

Valeska S. lebt in einem fast ländlich wirkenden Ortsteil im Osten von Hamburg. In ihrer kleinen Zweizimmer-Wohnung („Ich weiß gar nicht, wieviel Quadratmeter die hat“) fühlt sie sich wohl. Sie kann noch allein einkaufen gehen, der Supermarkt ist „gleich um die Ecke“, und sie „tut nichts Überflüssiges“ in den Einkaufskorb. „Wenn man sparsam ist“, sagt sie lächelnd, „dann kommt man mit 60 Mark in der Woche ganz gut aus. Nur, ich müßte eigentlich mit 50 Mark auskommen, bei meiner kleinen Rente.“

In der guten Stube steht eine Schale Gebäck auf dem Tisch. „Ich mach’ jetzt Kaffee“, sagt sie und duldet keinen Widerspruch.

Valeska S. packt ihre Rentenunterlagen aus, die sie in einer Plastikhülle aufbewahrt. Ihre Hände zittern ein wenig. „Die Hauptsache ist, daß ich mein ganzes Geld über die Sparkasse bekomme und nicht ins Ortsamt muß.“ Davor hat sie Angst.

„Es liegt nicht daran“, hatte mir der Pastor der örtlichen Kirchengemeinde gesagt, „daß die Beamten und Angestellten in unserem Ortsamt besonders unfreundlich wären. Sie sind es nicht. Nur, sie sind im Umgang mit älteren Menschen überfordert. Sie werden leicht ungeduldig, wo Geduld geübt werden sollte. Manchmal müssen wir sogar mit sanfter Gewalt nachhelfen, um unsere älteren Gemeinde-Mitglieder überhaupt ins Ortsamt zu bringen, damit sie bekommen, was ihnen zusteht.“