Chemiefirmen sind als Kaufobjekte gesucht wie nie

Von Hans Otto Eglau

Einmal im Jahr, kurz vor Weihnachten, pflegt Carl Zimmerer auf seine Weise zur vorfestlichen Stimmung beizutragen. Scharf durchwürzt mit kabarettreifen Sottisen gegen Regierung und Gewerkschaften, Fiskus und Journaille, macht der Düsseldorfer Unternehmensmakler seine persönliche Bilanz von Angebot und Nachfrage auf. Danach liegen seiner Interfinanz, der bekanntesten deutschen Vermittlerin von Firmenübernahmen, derzeit nicht weniger als 115 Kaufaufträge für Chemie- und Pharmaunternehmen vor – mehr als doppelt so viele wie für Softwarehäuser als zweitbeste Branche. Die meisten Interessenten werden auf passende Angebote jedoch lange warten müssen: Gute Objekte sind Mangelware.

Das geballte Kaufinteresse hat seinen Grund: Keine andere Industriebranche erfreut sich einer so dauerhaften Hochkonjunktur wie die Chemie. Seit ihrem bisher letzten Tief 1982 melden die deutschen Chemiekonzerne Jahr für Jahr überdurchschnittliche Umsatz- und Gewinnzuwächse. Auch 1988 hielt der schöne Boom unvermindert an.

Begehrliche Blicke auf die Vorzeigebranche werfen vor allem Manager aus Industriezweigen, die – wenn überhaupt – nur noch wenig wachsen und die ihre Investitionen deshalb stärker in andere Bereiche umlenken müssen. So griff der Essener Strom-Riese RWE im vergangenen Jahr zu, als der amerikanische Ölmulti Texaco seine deutschen Aktivitäten verkaufen mußte, um ein Bußgeld von drei Milliarden Dollar an den Konkurrenten Pennzoil zahlen zu können. Im angestammten Geschäft hatte der RWE-Vorstand für seine Liquidität keine hinreichende Verwendung mehr: Die bestehenden Kraftwerke decken den Strombedarf mühelos bis in die neunziger Jahre.

Zum neugebildeten RWE-Konzernbereich „Mineralöl und Chemie“ gehören nicht nur die Raffinerien und das Tankstellennetz der Texaco sowie die den Essenern bereits gehörende Union Rheinische Braunkohlenkraftstoff AG (UK Wesseling), sondern auch die von den Amerikanern mitübernommene Chemiefirma Condea in Brunsbüttel. Das 1961 gegründete, von der Texaco-Raffinerie Heide mit Petro-Vorprodukten versorgte Unternehmen (RWE-Vorstandssprecher Friedhelm Gieske: „eine Perle“) stellt vor allem Fettalkohole für eine Vielzahl von Konsumgütern her. „Für die Condea allein hätten sich viele weltweit prominente Chemiekonzerne als Käufer gefunden“, glaubt Bodo Fuchs, Geschäftsführer der mit der Texaco-Placierung betrauten db Consult, einer Tochter der Deutschen Bank. Für das RWE kann der Condea-Kauf nur ein Anfang sein. Firmenstratege Gieske läßt denn auch keinen Zweifel daran, daß sich sein Konzern „in diesem Segment noch weiter orientieren“ wird.

„Die Chemie ist eines unserer Wachstumsfelder“, verkündete auch Veba-Chef Rudolf v. Bennigsen-Foerder. Als großer Stromproduzent ist der Düsseldorfer Mischkonzern in einer ähnlichen Situation wie das RWE. Doch operiert er bei seinen Zukunftsinvestitionen bereits von einer ungleich stärkeren Ausgangsbasis aus. Mit einem Umsatz von 5,5 Milliarden Mark ist die Veba-eigene Hüls-Gruppe immerhin das fünftgrößte Chemieunternehmen der Bundesrepublik. Das vor genau fünfzig Jahren von der IG Farbenindustrie und der Bergwerksgesellschaft Hibernia gegründete Ruhrgebietsunternehmen, das mit seinem Geschäft auf dem Gebiet des Synthesekautschuks Buna eine herausragende Rolle in der Kriegswirtschaft spielte, hat seit seiner Eingliederung in den Veba-Konzern 1979 ein gründliches Facelifting erfahren.