Köln

In Köln ende alles irgendwie im Karneval, sagen diejenigen, die sich auskennen. Und alles fange auch im Karneval an. Karneval vor einem Jahr prunkte die Kölner Universität zum ersten Mal mit einem Festwagen im legendären „Zoch“: „Professor Tünnes“ und „Dr. h.c. Schäl“ warben im Pappmache-Talar und Festwagenformat für die Universität: „Wir produzieren nur Leuchten.“ So nahmen die Festlichkeiten zur 600-Jahrfeier der Universität ihren inoffiziellen Anfang.

Professor Tünnes war mehr als nur ein verfrühter Festgänger, er war ein Symbol des Aufbruchs aus dem akademischen Elfenbeinturm: Heraus aus der Stadtrandlage und hinein in das Bewußtsein der Kölner Öffentlichkeit, lautete die Festtagsparole. Das zum Jubeljahr entworfene Signet (ein Strichmännchenensemble der Heiligen Drei Könige, Maria samt Jesusknaben und Stern) prangte überall – auf Plakaten, in Zeitungsartikeln, an Krawatten für die Herren und auf Schals für die Damen.

Doch als das Jubeljahr sich neigte, war dem einen oder anderen Bürger so manche Ungereimtheit in der akademischen Selbstdarstellung aufgefallen. Dabei war es nicht so sehr der „Muff von tausend (oder 600) Jahren“, es waren eher die nur ein halbes Jahrhundert alten braunen Flecken auf den Talaren, die zu so mancher Nachdenklichkeit Anlaß gaben.

Als erste wurde die vorlaute Kölner Stadtrevue mißtrauisch. Schon im Frühjahr wunderte sie sich, wo denn die schon für 1987 angekündigte Studie des Hamburger Historikers Frank Golczewski über die Kölner Universität im Nationalsozialismus abgeblieben sei. „Wegen Nachbesserungswünschen der Kölner Auftraggeber“, berichtete das Blatt aus den Kulissen, sei ein Erscheinen bisher verzögert worden. Das, fanden die Redakteure; passe schlecht zur angekündigten „rückhaltlosen Offenheit und schonungslosen Aufklärung“, mit der die Universität im Jubiläumsjahr ihre Vergangenheit aufarbeiten wollte.

Die Stadtrevue wird in Köln nur von denen gelesen, die sich nicht über ihre Berichte aufregen, so blieb es vorerst ruhig. Auch nahmen nur wenige Anstoß daran, daß sich die Medizinische Fakultät weigerte, die schon 1985 in der Kölner Volkshochschule gezeigte Ausstellung über „Heilen und Vernichten im Nationalsozialismus“ in ihre Räume aufzunehmen. Nachdem die Mediziner dafür heftige Schelte von der „Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ eingesteckt hatten, wurde die Ausstellung dann doch gezeigt – nicht in der Medizinischen Fakultät, sondern im Hauptgebäude der Universität.

In das Jubiläum platzte dann auch noch ein Kündigungsschreiben. Hans Ost, Direktor des Kunsthistorischen Instituts der Universität, quittierte seinen Dienst als Kunstbeauftragter: „Die Universität benötigt keinen Kunstbeauftragten, sondern einen Beauftragten für Bewußtseinsbildung“, schlug Ost dem Rektor Peter Hanau vor. Der Kündigungsgrund: die Rektorbilder. Im auch „Schreckenskammer“ geheißenen Kleinen Senatssaal hängen sie, goldgerahmt und schaurig-schön – „auch und vor allem die Porträts der Nazirektoren: Auf daß wir diese alle unter uns hätten, wurden die in den Kriegsjahren nicht mehr gefertigten Porträts der Nazirektoren in den fünfziger Jahren eigens nachträglich in Auftrag gegeben“, schrieb Ost. Und weiter: „Kein Auftrag hingegen zu einem Ersatz für das 1935 von den Nazis entfernte Porträt des jüdischen Rektors und hochbedeutenden Rechtsgelehrten Stier-Somlo.“ Er ist nur auf einer Photographie zu sehen, die anderen aber in aufwendig gemalten Bildern. Aus den Universitätsakten gehe auch nicht hervor, daß sich die Universität um ein Ersatzstück für das Porträt Stier-Somlos bemüht hätte – das, fand Ost, sei „der eigentliche Skandal“.