Ein "Beauftragter für Bewußtseinsbildung" hätte vielleicht dafür gesorgt, daß im offiziellen Jubiläumsprogramm ein deutlicher Schwerpunkt zum Thema "NS-Zeit" gesetzt worden wäre. Vielleicht hätte er auch bewirken können, daß dieses Thema nicht bis auf etwa 30 Seiten aus der zum Fest erschienenen 1800 Seiten dicken, dreibändigen Universitätsgeschichte ausgelagert worden wäre. Denn an Quellenmaterial fehlt es nicht; im Universitätsarchiv gibt es nach Aussage seines Leiters, des Kölner Historikers Erich Meuthen (zugleich auch federführender Autor der Jubiläumsbände), eine "mit großer Sorgfalt" geführte Chronik für die fraglichen Jahre.

Vor allem jedoch hätte ein "Bewußtseins-Beauftragter" sich dafür einsetzen müssen, daß Golczewskis Buch über die Kölner Universität in der Nazizeit nicht "aus verlagsinternen Gründen" erst nach dem Jubiläumsjahr erscheinen konnte. Denn Golczewski hat so einiges aus der Nazi-Vergangenheit der Universität ans Tageslicht gefördert und so manche liebgewordene Widerstandslegende zerstört, so manchen untadeligen Professor als gebeugten Opportunisten entlarvt. Während des Jubeljahres brauchten sich die Kölner indes mit seinen unangenehmen Wahrheiten nicht herumzuschlagen. Das Thema blieb dem Archivdirektor Meuthen vorbehalten, der sich in einem Vortrag "hart bis an die Grenze dessen, was sagbar ist" dazu äußerte – im kleinsten Kreise allerdings nur. Das hochschuleigene Universitäts-Journal faßte zusammen: "Fazit des Vortrags war einerseits die Feststellung, daß die Universität Köln weniger nationalistisch durchdrungen war, als man das vor Professor Meuthens Studien annehmen konnte ... Deutlich wurde, daß wohl die meisten mit der neuen Situation der Hochschule ,menschlich überfordert‘ gewesen seien, und von daher sei eine Beurteilung jener Zeit kaum zu leisten." Die "Grenzen des Sagbaren" sind an der Kölner Universität offenbar eng gesteckt, und auf Grenzverletzungen wird entsprechend empfindlich reagiert. Zu spüren bekam das zum Ende des Jubeljahres ausgerechnet der Kölner Stadt-Anzeiger, die größte ortsansässige Tageszeitung, die sich ein Jahr lang geradezu liebevoll des Jubiläums angenommen hatte. Als das Blatt jedoch zum Kehraus mit einem "Unfestliche Erinnerungen" überschriebenen Artikel aufwartete, der all die "Merkwürdigkeiten" der Feier verzeichnete, war es mit dem guten Einvernehmen von Zeitung und Universität vorbei. Alle "Mitglieder des Lehrkörpers" erhielten ein Schreiben, in dem es unter anderem heißt: "Der Artikel ist journalistisch unsauber recherchiert und scheut sich auch nicht, ... unseren Festakt in die Nachbarschaft einer nationalsozialistischen Veranstaltung zu rücken. Der Artikel stellt... eine ungeheuerliche Beleidigung der Kölner Universität dar." Die Universitätsspitze verlangte vom Kölner Stadt-Anzeiger Satisfaktion.

Der vorläufig letzte Eklat: Als zu einem Gespräch der Verleger des Blattes nicht persönlich erschien, ließen Universitätsrektor Hanau und seine Begleiter die prominent vertretene Redaktionsleitung einfach stehen und verschwanden grußlos. So lieferte das Jubiläumsjahr selbst den Stoff für ein weiteres Kapitel Universitätsgeschichte, das nicht vergessen werden sollte. Markus Seiffert