Von Heinz Josef Herbort

Man könnte sagen, daß da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten sei den Kern der Religion zu retten, indem sie die mythischen Symbole, welche die erstere im eigentlichen Sinne als wahr geglaubt wissen will, ihrem sinnbildlichen Werte nach erfaßt, um durch ideale Darstellung derselben die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen.

Richard Wagner in „Religion und Kunst“, 1880

Rätselhaftes gibt seine Geheimnisse nur zögernd und dann auch erst zum Ende hin preis. In Brüssels Koninklijke Muntschouwburg/Théâtre Royal de la Monnaie, derzeit Europas spektakulärstem Operntheater, schließt Richard Wagners „Parsifal“ neuerdings, in einer Inszenierung von Peter Mussbach, so: Die Gralsritter, die soeben noch ihren kranken alten König Amfortas bestürmt und bedroht, beinah ultimativ „Enthüllet den Gral! Walte des Amtes!“ gefordert hatten – sie schleichen sich schwankend und stolpernd davon, wollen nichts mehr sehen, nichts mehr hören, brauchen weder einen wachsenden Lichtschein aus der Höhe noch eine herabschwebende weiße Taube, nicht einmal Gebet oder Segen. Und der junge König Parsifal, der ihnen den Speer wieder hergebracht hat, die heilige Reliquie, das Zeichen des Gnadenbesitzes, das ihnen der revoltierende Klingsor geraubt hatte; der den Gral, dieses Garantiezeichen für die ständige Wirksamkeit der Erlösung, nicht mehr, nur einer Elite vorbehalten, unter Verschluß bewahren, sondern für alle verfügbar machen will – er kann nur frustriert sich auf den Acker hocken und vor sich hin sinnen, ein König ohne Land, ein Prophet ohne Volk, ein Priester ohne Gemeinde. „Höchsten Heiles Wunder“? „Erlösung dem Erlöser“? Wer wird hier wovon erlöst? Und wozu? Welches Rätsel lüftet hier sein Geheimnis? Parsifal, allein auf der Bühne, scheint sich dies zu fragen – wie wir unten im Parkett.

Was ist das für eine Gemeinschaft oder Gesellschaft, die da zunächst unter Aufbietung letzter Kräfte emphatisch nach etwas verlangt, im entscheidenden Moment aber sich zurückzieht, sich verweigert? Schon ihr voraufgegangenes Treffen hatte sich als gespenstisch-makabres Ritual erwiesen. Da waren plötzlich in einem fast leeren Saal einige raumhohe rechteckige Säulen – auf deren einer Breitseite uns zuvor die Zeichnungen von fast entlaubten Baumstämmchen das Ambiente „Wald, schattig und ernst, doch nicht düster. Eine Lichtung in der Mitte“ hatten suggerieren wollen – in Bewegung geraten, hatten nach einer komplizierten, aber eindrucksstarken Choreographie schließlich drei Wände eines Hofes (im Saal) gebildet, kalkweiße Mauern jetzt mit einer roten Kante, von der etwas wie eine Schlinge herabzubaumeln schien. Ein Exekutionsgelände? Weiter unterhalb, in Augenhöhe, waren auf den Kalkwänden rotgezeichnete Umrisse zu sehen, wie die Andeutungen von Restauratoren, daß hier einmal Plastiken standen, Säulenheilige, steingewordene (Heils-?)Geschichte – entfernt im Rahmen einer in Vergessenheit geratenen Bilderstürmerei?

Aber dann waren, als hätten sich irgendwelche Wände aufgetan, diese Säulenheiligen hereingetapert, hatten sich zu einer langen Reihe formiert und längs den Wänden Aufstellung genommen: Männer in starren mantelartigen Ornaten, auf dem Kopf eine Halbmaske, wie eine längst verwitterte Bischofsmitra, sandsteinfarben die ganze Erscheinung – nur im Nacken, dort wo das Kleinhirn sitzt, ließen rot-violette Färbungen entweder auf gewaltsamen Tod oder die ehedem geistliche Würde dieser Erscheinungen schließen.

In ihrer Mitte war, an seine Trage fixiert, der kranke König Amfortas aufgerichtet worden, ein Schwerverletzter, der nicht sterben kann; bandagiert und mit verklebter Wunde hatte er dort mehr gehangen als gestanden wie an einem Marterpfahl, hatte von der „Höllenpein“ gesungen und von der „Strafe ohne Gleichen“, die er zu tragen hat, „einz’ger Sünder unter allen“ – wegen „des eig’nen sündigen Blutes Gewell’“. Gegen seinen Willen hatte er sich den Aufforderungen seiner Artgenossen wie seines lebend im Grabe dahinwesenden Vaters gebeugt und die Zeremonie vollzogen: Die Trage auf dem Rücken mit sich ziehend hatte er sich zu einer der Wände geschleppt, hatte am Ende seines erzählenden Monologs das rote Tuch von der .Wand gerissen, so daß eine dort verborgene Zeichnung hatte sichtbar werden können – die ganz einfach, wie eine Chiffre oder ein Symbol, gezeichneten Umrisse eines Kelches, eine frühe Höhlenmalerei offenbar, Relikt eines vor Urzeiten gepflegten Kultes, formaler Rest eines nicht mehr zugänglichen okkulten Mysteriums.