Es war einmal in den fernen siebziger Jahren, da machte sich eine ganze Generation junger Schriftsteller daran, in "radikaler Autobiographik" die Schichten der sozialen und politischen Codierungen aufzublättern, um zu den tieferen Quellen des Ich vorzustoßen. Sie zerrten an den Charaktermasken, entdeckten die Lust am Körper und das Weibliche an der Lust. Die Menschheitsgeschichte war ihnen ein patriarchalischer Kriegszug, das begriffliche Denken die Marschmusik dazu. Sie fühlten sich in die technische, kommunikativ vernetzte Welt wie in ein High-Tech-Gefängnis eingesperrt. Um ihre Haut zu retten, besannen sie sich auf den Anteil erster Natur an ihrer hochtrainierten Subjektivität. Peter Sloterdijk liefert dieser Generation nun mit leichter Verzögerung die Tiefenpoetologie nach.

Die Frankfurter Poetikvorlesungen sind eine Institution mit gutem Ruf. In diesem Jahr hatte Peter Sloterdijk seinen Frankfurter Auftritt. Der nicht beamtete Denker mit dem leichten Händchen für die schweren Brocken der Tradition – das versprach Unterhaltung auf gehobenem Niveau Und so kam es auch. Daß Sloterdijk sich mit schöner Literatur, mit Stilfiguren, Gattungen oder Tendenzen beschäftigen würde, war ohnehin nicht zu erwarten. Sloterdijk steht bekanntlich auf gutem Fuß mit Buddha, Sokrates und dem Philosophen in der Tonne und pflegt einen salopp kritischen Umgang mit den totalitären Meisterdenkern von Platon bis Marx. Und tatsächlich war von Literatur wenig und von zeitgenössischer gar nicht die Rede. Statt dessen vom angeblich größten Tabu der Philosophie: der menschlichen Geburt. Sloterdijk arbeitete sich zunftgemäß gleich zu den tiefsten anthropologischen Schichten der Poiesis vor.

Seine Poetikvorlesung handelt wesentlich vom zwiespältigen Glück, geboren zu sein: Die Philosophen hätten die Anfangsgründe der menschlichen Existenz bisher nur metaphorisch verdunkelt, es käme darauf an, wieder in sie einzutauchen. Das Grundereignis der Geburt zu erinnern, sei nicht zuletzt der geheime Auftrag der Dichtung. Im bescheidenen Gesprächston macht sich Sloterdijk an die ganz großen Fragen. Doch da tritt, schon leicht ergraut, Herr Zeitgeist hervor. Nicht der abgeklärte von heute freilich, Sloterdijk ist schließlich kein kühler Analytiker, sondern ein melancholischer Theorie-Erzähler aus den Siebzigern. Sein Abstieg in den Schmerz- und Lustbetrieb der menschlichen Geburt läßt sich ohne intellektuelle Verrenkung als eine philosophische Poetologie der Literatur der siebziger Jahre lesen.

Das Unternehmen fängt schon ganz imponierend an. Sloterdijk redet von Tätowierungen, nicht des Leibes natürlich (das höchstens metaphorisch), sondern des Lebens, der Seele, der Existenz. Der Mensch ist von Anfang an beschriftet, und die Urschrift wird genau dann zur Kunst, wenn sie sich durch das spätere Gerede, durch die stumpfe Kommunikation wieder hervorarbeitet: "Wo Brandmarkung war, soll Sprache entstehen", lautet der poetologische Imperativ. Noch weiß man nicht genau, was gemeint ist, aber wogegen der Philosoph zu reden gedenkt, das erfährt man sofort: "... schalten Sie einen beliebigen Sender ein, meine Damen und Herren, öffnen Sie das nächste Magazin, und Sie wissen, was ich meine, Unverbindlichkeit auf allen Kanälen, Leichtsprache aus jeder Redaktion." Das könnte mehr sein als ein kritischer Allgemeinplatz. Mit der Öffentlichkeit als Konsumsphäre, mit der "Leichtsprache", dem schnellen, flüchtigen zeitgenössischen Jargon schlagen sich zur Zeit viele junge Schriftsteller herum. Es stimmt auch, daß ein "Hunger nach essentiellen Zeichen, nach blutigen Ritzungen und Brandzeichen der Existenz" entstanden ist. Kaum aber hat Sloterdijk die buchstäbliche Schnittstelle zeitgenössischer Literatur erreicht, dreht er ab, nimmt zurück, was er stürmisch entwickelt hat. Im Fortgang seiner Vorlesung löscht er gleichsam das erste Kapitel, um in einem neuen Anlauf über das Anfangen zu räsonieren.

Das geschieht wiederum in eigenwilliger Verkehrung. Lange referiert Sloterdijk die Erzählung "Das Sandbuch" von Jorge Luis Borges, die von nichts anderem handelt als von der Unendlichkeit des Buchs und von der Unmöglichkeit, zur ersten Seite zurückzublättern. Es wirkt geradezu mutwillig, wenn Sloterdijk ausgerechnet im Anschluß an diese abgründige Geschichte sein grundlegendes Interesse an einem eigentlichen Anfang erklärt.

Ihn habe seit jeher die "Lücke" fasziniert, die sich dort öffnet, wohin die Erinnerung nicht reicht, im Falle eines Individuums: die Geburt. Das eigentliche Thema der Vorlesung ist erreicht. Doch bevor es der Redner so richtig philosophisch angeht, macht er noch einen Schlenker, der interessanter ist als alles, was folgt. Aber was, so die nicht ganz neue Frage, wenn die Tradition eine zerstörerische, die überkommene Lebensform eine verzerrte ist? Die Antwort ist eine verblüffende Theorie der Stunde Null: "Ja, die Tradition hat uns, das Seinsgeschick trägt uns im Arm, aber wer als Deutscher um die Mitte des Jahrhunderts geboren wurde, der kroch aus seinem nationalen Traditionenschoß hervor wie ein Überlebender aus einem zerbombten Haus. In einer solchen Situation, wo man die Wüste erbt, erlangt das Vermögen, selber anzufangen, eine unerwartete neue Bedeutung."

Soll man es Pointe nennen, daß eine Philosophie der Geburt, des Mutterschoßes, des fötalen Getragenseins genau dort einsetzt, wo die historische Erinnerung nur blutige Gespenster hervorholt? Sloterdijk wehrt schroff die Zumutung ab, der eigene lebensgeschichtliche Anfang sei schon von Sprache und Geschichte entwendet und verstellt. Sich der eigenen Ankunft in der Welt zu erinnern, das ist die therapeutische Maxime des philosophischen Geburtshelfers gegen den Schmerz des historischen Gedächtnisses.