Auf diese Urszene seiner Philosophie der vorsprachlichen Menschwerdung kommt Sloterdijk im Verlauf der Vorlesung nicht mehr zurück. Aber untergründig arbeitet sie weiter. So in der nonchalanten Neudeutung der abendländischen Geschichte als einer einzigen gleichsam "bionegativen" Anstrengung, den lebendigen Ursprüngen zu entfliehen: der ichlosen Gelöstheit im mütterlichen Element und dem ersten angstbesetzten Hinausgehaltensein in die Welt. Nur die Geburtserinnerung unterlaufe den Zwang, den eigenen Kopf und den Planeten in ein explosionsgefährdetes Sicherheitsgefängnis umzubauen.

Doch was hat das mit Poesie zu tun? Ist Literatur das Medium der Ursprungserinnerung, Dichtung ein Gang zu den Müttern, und wenn ja, wie kann sich die Sprache der Sphäre des Nicht-Kommunikativen annähern? "Der Sprachtag folgt auf das ahnungsvolle Schweben in der Brise des Gefühls..." Sloterdijks Text hält selber die Nähe zu jenem anderen Sprechen, dem seine Neigung gilt, dem Sprechen der Dichter. Selten ist von ihm selber die Rede, und wenn doch, dann entschieden geheimnisvoll. Sloterdijk entschuldigt sich höflich, wenn er sich poetisch ans Unsagbare macht. Aber dann sagt er doch für jeden verständlich, daß das Unsagbare der Geburt zu sagen, Sache der Dichter sei. Hubert Winkels

  • Peter Sloterdijk:

Zur Welt kommen – Zur Sprache kommen

Frankfurter Vorlesungen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1988; 176 S., 12,– DM