Von Edmund Schalkowski

Fundamentalistische Bewegungen werden nicht besiegt, sie scheitern im Alltag. So ergeht es jetzt der neoklassischen Revolution in Wirtschaftstheorie und -politik, die sich seit Anfang der achtziger Jahre auf der ganzen Linie durchgesetzt hatte. Als Kampfparole gegen den etablierten Keynesianismus äußerst durchschlagend, wird die Doktrin, mit der Reagan und Thatcher ihre zwiespältigen Triumphe feiern, zunehmend von den Realitäten unterlaufen. Die Marktkräfte entfesseln, die Konkurrenz revitalisieren, den Staat zurückdrängen – wie paßt hierzu die mit Staatsgarantien gepolsterte Fusion von Daimler-Benz und MBB, die spektakulärste, aber keineswegs letzte Elefantenhochzeit im konzentrationsfiebrigen Europa? Was den in elegante Modelle verliebten Theoretiker fasziniert, wird von langfristig angelegten, weltmarktorientierten Strategien in Wirtschaft und Politik vom Tisch gewischt.

Dabei ist die Grundfigur, auf der das neoklassische Credo aufbaut, durchaus einleuchtend – die altehrwürdige Idee der Selbststeuerung der Ökonomie, ihrer Lenkung durch eine „unsichtbare Hand“. Während dieses Bild von Adam Smith jedoch einzelne, beobachtbare Einpendelbewegungen (etwa Schwankungen des Preises) plastisch ausdrücken soll, wird es hier zu einem umfassenden Gleichgewichtspostulat überhöht. Da erscheint dann die Wirtschaft als Verkörperung ewiger Harmonie, als ein kompliziertes, höchst empfindliches Räderwerk, das dank eingebauter Gesetze selbständig sein Zusammenspiel regelt. Politische Eingriffe, wie etwa staatliche Konjunktursteuerung, sind bestenfalls unwirksam, in der Regel sogar schädlich.

Der harmonistischen Sicht radikal entgegengesetzt war die Wirtschaftslehre der Keynesianer. Ihr Bruch mit der Tradition bestand in einer grundlegenden Neubestimmung der Funktionen des Geldes in reifen Marktwirtschaften. Bislang als „Schleier“ angesehen, der einflußlos über der Güterwirtschaft liegt, wird es jetzt als selbständige Macht aufgefaßt, die störend ins Gleichgewicht eingreift. Vor allem zwei Momente entziehen systematisch dem Reproduktionskreislauf Geld; die bei steigenden Einkommen sinkende Konsumneigung und die zunehmende Kassenhaltung der Unternehmen bei sinkender Renditeerwartungen. Die Herausbildung einer eigenen Geldsphäre schnürt den Nerv der Produktion, die Investitionstätigkeit, ein; der drohenden Destabilisierung können nur staatliche Stabilisierungsmaßnahmen begegnen. Daß die Antiklassiker im Aufwind, die Neoklassiker in die Bredouille geraten sind, hat sich auch an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten herumgesprochen. Den neuen Trend belegt eine Veröffentlichung aus Österreich:

  • Gunther Tichy:

Konjunkturpolitik. Quantitative Stabilisierungspolitik bei Unsicherheit.

Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg, 1988; 273 Seiten, 36,– DM.