Brüderlein und Schwesterlein – gibt es überhaupt eine innigere, heiklere, geheimnisvollere Beziehung auf dieser Welt? So viele Lieder, Romanzen, Balladen, so viele Dramen und Trauerspiele. Ach Brüderlein, ach Schwesterlein – das Herz wird einem warm und schwer. Es ist ein uraltes Lied, und nimmer, nimmer wird es enden.

Brüderlein heißt Christoph, Schwesterlein heißt Anne-Sophie, und Mutter heißen beide. „Liebe Schwester“, schreibt der Bruder, und schon sind wir (vorsorglich) gerührt. Doch woher wissen wir, was Brüderlein schreibt? Weil es Herrn Christoph Mutter gefallen hat, seinen Brief an die liebe Schwester ausgerechnet in Bild und über Bild zu publizieren – und so treffen sich Bruder und Schwester diesmal nicht am tiefen Brunnen oder im dunklen Wald, nicht in der Laube und nicht auf der Frühlingswiese, sondern (oh Schock!) auf dem billigsten Boulevard, direkt neben Knackern, Mackern, Porno-Miezen.

Aber egal: ein schöner, liebevoller Brief adelt noch die häßlichste Umgebung. Lesen wir also: „Ich sitze in Deinem Wintergarten, den Dein Vater Dir geschenkt hat und schaue hinaus auf den Garten, den Du uns geschenkt hast.“

Den Satz kann man, muß man immer wieder lesen – und wird ihn doch nicht fassen. Denn plötzlich wird hinter dem betörenden Wohlklang, den „unsere wunderbare Geigerin“ zu verströmen pflegt, das ganze Mißgetön der Wahrheit hörbar – das Klingeln der Kassen, das Krächzen der Raben, das Hacken der Geier.

Brüderchen mahnt Schwesterchen zur Dankbarkeit, karessiert ihre Tränendrüsen („Anne-Sophie, denk doch auch an deine Hunde Droll, Wurzel und Füchsle!“), doch Schwesterchen bleibt ungerührt. „Mein Vater hat hinter meinem Rücken abgeräumt“, verrät Anne-Sophie, natürlich ebenfalls in Bild, und führt dann minutiös auf, was sie der lieben Familie im Lauf der Zeit hat zukommen lassen.

Alles nichts Neues – schon die Götter auf dem Olymp zankten sich keifend ums Kleingeld. Die Griechen haben ihre Atriden, wir unsere Mutters; die Alten lasen Euripides, wir lesen Bild.

Wie geht das alte Lied? Ach Brüderlein, ach Schwesterlein, der Mensch ist nur ein armes Schwein. Und Wurzel, Droll und Füchsle singen mit. Finis