Von Ernst Hess

Gleich mußte eigentlich Sir Arthur Conan Doyle hereinkommen Oder wenigstens Robert L Stevenson mit Schal und Mutze, der im Davoser Winter seine „Schatzinsel“ zu Papier brachte Es erscheint aber nur ein Anlageberater aus Köln mit nerzverpackter Begleitung, die in der Lounge des ehrwürdigen Grandhotel „Belvedere“ unuberhorbar nach Champagner verlangen So ist man mit seinen Gedanken doch schnell wieder allein, allerdings wohlig verpackt in den perfekt restaurierten Luxus der Belle Époque

Nein, hier entstehen keine Romane mehr, nicht einmal Schlagzeilen für die Regenbogenpresse Direktor Raeto Steiger konnte zwar mit ein paar hochkaratigen Namen aus der Gästeliste aufwarten (was er natürlich niemals tun wurde) Aber die stammten fast ausnahmslos aus dem Wirtschaftsteil der Zeitungen „Davos ist eben nicht St Moritz oder Gstaad“, sagt Herr Steiger, wobei offenbleibt, ob er diese Feststellung nun besonders erfreulich findet

Manches spricht dafür, daß die Davoser mit sich und ihrer Stadt zufrieden sind Das gilt vor allem für Bauunternehmer und Hoteliers, Juweliere und Makler und die Aktionare der Bergbahnen Kaum eine Region in den Schweizer Alpen kann solche Superlative aufweisen 55 Bergbahnen und Skilifte, 320 Kilometer präparierte Pisten, 20 000 Gastebetten, die größte Skischule der Schweiz, die größte Natureisbahn Europas, 75 Kilometer gut gespurte Loipen und mehr als 60 Kilometer geräumte Wanderwege „Stündlich“, sagt Verkehrsdirektor Bruno Gerber stolz, „können wir 55 000 Personen in unseren sechs großen Skigebieten transportieren.“

Kein Wunder, daß die statistisch ebenfalls erfaßten 144 Ziegen und 1009 Kuhe bei solchen Zahlen lieber im Stall bleiben Ihre Weiden zahlen zwischen Dezember und April schon längst zu den alpinen Klassikern, rund um die Uhr von Pistenbullies und anderem schwerem Gerat gewalzt und präpariert Nicht weniger als 88 Abfahrten – davon 16 „schwarze“ – weist die Panoramakarte zwischen Parsenn und Rinerhorn aus „Wenn Sie wollen“, verspricht Bruno Gerber glaubhaft, „fahren Sie 14 Tage lang keine Piste zweimal Dafür garantiere ich “

So einer kann natürlich leicht garantieren, wenn ihm die Natur eine gigantische Ski-Arena direkt vor die Haustur gesetzt hat sanft gewellte „Autobahnen“ am Jakobshorn und Pischa, brutale Buckelpisten am Nordhang des Bramabuel oder vom Nullischgrat hinunter nach Glans Dazu die Tiefschneehange parallel zur Strelabahn oder kilometerlange Waldpassagen hinüber nach Klosters Waren da nicht die geschickt im Gelände verstreuten Hutten, man konnte tatsächlich den lieben langen Tag in der Sicherheitsbindung verbringen

Die Gefahr ist allerdings eher gering Denn kaum verlaßt der Skiläufer etwa die betagte Gondel am Strelapass, duftet es schon nach Alplermakkaroni, Graupensuppe oder Kaserosti Es lohnt hier also kaum, die Bretter anzuschnallen, zumal man seine Kräfte für den Kampf um einen Terrassenplatz schonen sollte „Vielleicht das fidelste und gemütlichste Berghaus in ganz Graubunden“, hat Huttenwirt Christian Juchli bescheiden auf seine Visitenkarte drucken lassen Wer wollte da bei Steinbockbraten mit Polenta und einer Flasche Dole ernsthaft widersprechen’