Provoziert der Papst unter den Katholiken eine Spaltung im Glauben? Die Frage muß leider bitterernst genommen werden. Der Aufschrei der 163 Theologinnen und Theologen, wie Hans Heigert in der Süddeutschen Zeitung die „Kölner Erklärung“ zu Recht nennt, hat ein mächtiges Echo gefunden und eine Lawine von Aktivitäten ausgelöst. Allerdings ist die Kölner Bischofsernennung nicht der Grund der Erklärung, sondern bestenfalls ein äußerer Anlaß.

Man muß sich vor Augen halten, daß die umstrittene Besetzung der Bischofsstühle in Osterreich, in der Schweiz und in Deutschland genauso wie der vatikanische Einspruch bei der Wiederbesetzung von Professorenstellen an den Theologischen Fakultäten Ausdruck einer gezielten päpstlichen Personalpolitik sind. Endlich soll überall die reine „Lehre über Ehe und Familie, insbesondere das Verbot jeder aktiven Antikonzeption“, durchgesetzt werden. Wer auch nur den geringsten Verdacht auf sich lenkt, daß er in diesem Punkt nicht voll mit dem Papst übereinstimmt, kommt als Kandidat für ein Bischofsamt oder eine Moralprofessur nicht mehr in Frage. Vom Nuntius, Erzbischof Dr. Uhac, ist ein Brief an die Öffentlichkeit gekommen, in dem er bestimmte, ihm ergeben scheinende Professoren schriftlich auffordert, ihm „Kollegen zu benennen, die nicht mehr treu zur Lehre der Kirche stehen“. Einer hat ihm geantwortet, er könne eine Denunziation von Mitbürgern mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, denn sie widerspreche der gesamten Lehre des Evangeliums.

Unsererseits wurde kein Versuch unterlassen, mit dem Papst und seinen unmittelbaren Ratgebern (Styczen, Caffarra, Sgreccia) in direkten Kontakt zu treten. Die Antwort: ein internationaler Moraltheologenkongreß vom 8. bis 12. November, einberufen vom Studieninstitut für Ehe und Familie an der Päpstlichen Lateranuniversität und vom römischen akademischen Zentrum des Opus Dei – eingeladen wurden nur streng ausgewählte Befürworter der päpstlichen Lehre. Am 12. November 1988 hielt der Papst an die Teilnehmer dieses Kongresses eine Ansprache zum Verbot aktiver Antikonzeption. Diese Doktrin sei „von der Schöpferhand Gottes in die Natur der menschlichen Person selbst eingeschrieben und von Gott in der Offenbarung bekräftigt worden. Sie zur Diskussion zu stellen bedeutet daher, Gott selbst den Gehorsam unseres Intellekts zu verweigern. Es bedeutet, das Licht unserer Vernunft dem Licht der göttlichen Weisheit vorzuziehen, so dem Dunkel des Irrtums zu verfallen und dabei zu enden, weitere fundamentale Eckpfeiler der christlichen Lehre anzugreifen.“

Viele Leserinnen und Leser dieses Beitrages werden solche Aussagen als einen innerkatholischen Vorgang betrachten, der sie kaum interessiert. Und nicht wenige auch der praktizierenden Katholiken werden sagen, dieses Problem sei doch durch die Praxis längst gelöst, man möge sich wichtigeren Fragen zuwenden. Die meisten Jugendlichen zeigen Desinteresse und Widerwillen gegenüber jeder Diskussion dieses Themas. In einem Hirtenschreiben des Bischofs eines norddeutschen Bistums zur Ehevorbereitung (1987) wird denn auch die Frage mit keiner Silbe mehr erwähnt. Die überwiegende Mehrheit gläubiger Katholiken ist persönlich überzeugt, daß sie in der Wahl der Methode zu einer gebotenen Empfängnisregelung die Verantwortung unter dem Gesichtspunkt gegenseitiger Freiheit und Rücksichtnahme selber tragen will und muß. Und sie wehrt sich gegen jede Gleichsetzung von Antikonzeption mit der Abtreibung. Sie fühlt sich zu solcher Beurteilung – trotz des Abweichens von der päpstlichen Lehre – von ihrem Glauben und ihrer Lebensführung her für hinreichend kompetent. Authentische Lehrverkündigung und praktisch gelebte Überzeugung leben seit dem Konzil in „offener Katholizität“ nebeneinander.

Dies ist mit der katholischen Gewissenslehre durchaus vereinbar. Um das Handeln verantworten zu können, muß ein jeder prüfen, ob das von ihm als „gut“ Erkannte auch wirklich gut sei. Dies geschieht im Gewissensurteil. Es ist nach bestem Wissen zu finden. Sittliche Selbstbestimmung nimmt den Menschen in seinem Urteilen und Entscheiden in Pflicht. Sie wäre keine Selbstbestimmung, würde der Mensch über die Entscheidung, die er trifft, sich selbst keine Rechenschaft geben. Und die Selbstbestimmung wäre keine sittliche, wenn der einzelne in die Rechenschaft vor sich selbst nicht objektive Kriterien und geltende Normen einbeziehen würde. Gerade in jenen Fällen, in denen die Gewissensentscheidung ein Verhalten gebietet, das von der verkündeten Norm abweicht, ist ein besonders selbstkritisches Urteil gefordert. Nur so gewinnt eine Gewissensentscheidung den Charakter aus sittlicher Selbstbestimmung.

Das Gewissen erweist sich demnach nicht nur als Ausführungsorgan vorgegebener Normen, sondern ebenso als „suchendes“ und urteilendes Gewissen. Es sucht Antwort über die Bedeutung, die ein Tun für die Person selbst in ihrer Entschlossenheit zur Realisierung ihrer selbst hat. Dazu genügt nicht bloß eine formale Prüfung der Gewissenhaftigkeit des Vernunftgebrauchs, es ist vielmehr auch eine inhaltliche Prüfung der Entscheidung gefordert. Der Entschluß zu einem bestimmten Tun oder Unterlassen muß aus einsichtigen Gründen getroffen werden; nur so kann er auch dem Gewissensprinzip genügen, das zu tun, was einer als gut erkannt hat. „Nur der handelt gemäß seinem Gewissen, der einem Guten zustimmt, weil er es kraft eigener Vernunft als gut beurteilt ... Nur ein Handeln, das einem Willen entspringt, der sich von Vernunft bestimmen läßt, ist frei. Allein ein solches Handeln, das nicht einfach Ursachen entspringt, sondern Gründen folgt, ist meine Tat und kann mir zugerechnet werden (L. Honnefelder in direkter Auslegung der Lehre des Thomas von Aquin).“ In dieser Selbstbestimmung durch Vernunft und freien Willen unter dem Anspruch des Guten liegt des Menschen Gottebenbildlichkeit und damit der Grund seiner Würde.

Auf diesem Hintergrund wirkte die Ansprache des Papstes vom 12. November 1988 wie eine Bombe. Eine bisher als authentische Interpretation des Natur- respektive Vernunftrechts verkündete Morallehre wird auf die Höhe einer unbezweifelbaren, göttlich geoffenbarten Glaubenslehre erhoben. Die Entscheidung für die Wahl der Methode der Geburtenkontrolle wird damit für einen gläubigen Katholiken zu einer Herausforderung seines Glaubens. Dies ist etwa im Vergleich zur Lehrverkündigung des verstorbenen Papstes Pauls VI. ein unerhörter Vorgang, der aus den Offenbarungsquellen durch nichts zu belegen ist. Die Konsequenz ist jedem einsichtig, der größte Teil gläubiger Katholikinnen und Katholiken wäre dann in einem – nach des Papstes Meinung – nicht unbedeutenden Teil christlichen Glaubens faktisch nicht mehr rechtgläubig. Verständlich, daß nach der Publikation dieser Ansprache im Osservatore Romano zwischen den Theologen die Telephone heißliefen. Wir fühlten uns voll in die Verantwortung genommen, diese Zusammenhänge in der kirchlichen Öffentlichkeit klarzulegen. Solidarität mit der Kirche erschöpft sich nicht in einem blinden Gehorsam. Guter theologischer Begriffsbestimmung entsprechend steht es bei allen nicht unfehlbaren Äußerungen grundsätzlich der Theologie zu, die Reformabilität oder Relativität dieser Aussagen durch den Hinweis auf die Schrift und die Tradition darzulegen. Wenn der Papst in Ausübung seiner unbestrittenen Vollmacht einer umstrittenen Lehre letzte Verbindlichkeit verleihen will, dann muß er „ex cathedra“ sprechen und nicht eine absolute Verbindlichkeit bloß insinuieren. Die Unfehlbarkeitsgarantie ist ohnehin nur hinsichtlich solcher Sätze verheißen, die sich unmittelbar aus der Glaubenssubstanz (depositum fidei) ergeben. Man darf daher davon ausgehen, daß für Katholiken weiterhin die „Königsteiner Erklärung“ der deutschen Bischöfe uneingeschränkt Gültigkeit hat.