Randy Newman war nie ein glücklicher Mensch. Wer der Weltöffentlichkeit anvertraut, daß er in seiner Freizeit den "Ulysses" studiert, das Buch gar mit Begeisterung liest, kann nur unglücklich sein. Randy Newman sieht noch heute aus wie der Kleine Chemiker, der seinen Mitschülern nur dann Spaß macht, wenn er Stinkbomben für sie bastelt. Daß die gegen seinen einzigen Freund, den Chemielehrer, geworfen werden, weiß er, aber was soll er tun? Er ist deprimiert.

Die anderen haben ihn dafür gehänselt, daß er schielt, daß er zu dick und unmöglich proportioniert ist. Einem wie ihm hätten sie nie zugetraut, daß er je eine Frau findet, hat er doch bestenfalls den Sex-Appeal einer ausgefransten Breitcordhose. Wo soll er also hin mit seiner Intelligenz, mit seiner Traurigkeit? Ans Klavier und Komposition studiert, auch wenn es nichts hilft.

Ein Konservatoriumsschüler, der aussieht wie der junge Randy Newman – anthrazitfarbener Anzug, weißes Hemd, die Krawatte in der Eile vergessen –, betritt die Bühne, setzt sich an den deckellosen Flügel und spielt, wie er seit zwanzig Jahren spielt und was sich noch nie verkauft hat. Von Baltimore singt er, wo eine Nutte an der Ecke steht und auf Kundschaft wartet, wo ein Betrunkener am Gehsteig liegt und im Regen schläft. "Oh, Baltimore!"

Der Mann am Klavier tritt das Pedal, tritt es als Metronom. Fröhlich klingt er nicht, aber welcher Barpianist wäre je fröhlich gewesen? Randy Newman kommt von weit her, aus der Ragtime-Zeit, und ist nie weiter als bis zur Schwarzen Serie gereift. Move over, sagt Lauren Bacall zu Hoagy Carmichael in "To Have and Have Not", und der konnte wirklich singen, während die spätere Frau Bogart bloß schön war. Aber Randy Newman mag sowieso keine Filme, obwohl sein Onkel Alfred über 250 Filmmusiken geschrieben hat. Der Neffe spricht lieber von dem, was er nie erreicht hat: "Fast haben wir es geschafft, fast bis ganz nach oben."

Randy Newman ist zu müde, um ganz nach oben zu kommen. Er ist tatsächlich älter geworden, 45 und ein wenig grau, er hat seine Frau verlassen, die Kinder sind ihm ausgezogen – da ist er in eine Depression namens Epstein-Barr verfallen. Die Indikationen klingen so, als hätte er die Geschichte für seine Plattenfirma erfunden: Er konnte nicht mehr arbeiten, war ständig müde und durfte mit mehr Recht als je seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Fernsehen, frönen.

Jetzt hat er sich wieder einigermaßen hochgerappelt, die erste aufregende Platte seit "Little Criminals" herausgebracht ("Land of Dreams") und sich zu einer Tournee durch seine europäischen Erblande breitschlagen lassen. Er hat zwar seine Düsseldorfer Frau nicht mehr, aber noch immer singt er vom deutschen Kindermörder Kürten und davon, wie Sigmund Freud in Amerika als Albert Einstein auftritt.

Schon wahr, wenn Heinz Rudolf Kunze einen toll findet, dann macht man sich verdächtig. Hat es am Ende doch nicht zu mehr gereicht als zu dem einen Ausgeh-Abend, auf den sich das rotgrüne Lehrerehepaar gerade noch einigen kann? Wenn er sein Publikum kennte, wenn er wüßte, was da unten alles herumsitzt, müßte er gleich noch depressiver werden.