Sicher haben Sie das auch schon erlebt: Sie sitzen im Theater, genießen die Kunst, und plötzlich — "di dit, di dit, di dit" — wird neben Ihnen die einundzwanzigste Stunde des Tages angezeigt. Oder Sie lauschen gerade dem interessanten Vortrag über "Goethe und die Würde des Menschen", und wieder, der Sprecher macht gerade eine Atempause, ertönt in der Stille neben Ihnen das helle Fiepen — di dit, di dit, di dit. Es ist ja im Prinzip nichts einzuwenden gegen Leute, die gern zu jeder vollen Stunde wissen wollen, daß wieder sechzig Minuten ihres Lebens verstrichen sind. Es ist überhaupt nichts zu sagen gegen ein geregeltes Leben. Jeder freut sich, wenn die U Bahn tatsächlich um 7 38 Uhr einrollt, der Vortrag pünktlich beginnt, der Termin beim Arzt eingehalten wird. Pünktlichkeit ist eine Tugend. Aber wen, um Himmels willen, interessiert, daß es soeben einundzwanzig Uhr geschlagen hat, während der Vortragende gerade den Bogen von Augustinus über Descartes zu Kant und Goethe spannt?

Es drängt sich der Verdacht auf, daß der Träger des digitalen Wunderwerkes seinen "Gongschlag" selbst gar nicht mehr wahrnimmt. Oder will er mit diesem Wunder der Technik nur angeben? Kann es sein, daß er befürchtet, im Theater einzuschlafen nach einem anstrengenden, digitalen Arbeitstag?

Aber warum läßt er sich dann schon nach einer Stunde wieder wecken? Die Gründe bleiben im dunkeln. Dennoch sei hier an alle Theaterbesucher mit Herz und Digitaluhr eine Bitte um Rücksicht gerichtet. Wie wars mit einem "di dit, di dit " kurz vor zwanzig Uhr, zur Erinnerung daran, daß nun für eine Weile Zeit ist zu entspannen?