KAIRO. – In den vergangenen Wochen und Monaten ist Ägypten wiederholt in seine langfristigen Nahost-Strategie bestätigt worden. Und doch haben die Erfolge die Sorge des Landes nicht vertrieben, am Ende von der Entwicklung überholt zu werden.

Die Erfolge sind beachtlich. Die PLO hat die ursprünglich ägyptische Anregung aufgenommen, zum glaubwürdigen Verhandlungspartner im Nahen Osten zu werden, indem sie eine provisorische palästinensische Regierung ausnef und gleichzeitig das Existenzrecht Israels anerkannte. Jordanien hat seinen Souveränitätsanspruch auf das Westjordanland aufgegeben. Die palästinensische Intifada im Westjordanland und Gaza hat den Israelis vor Augen geführt – mehr als jede Äußerung aus Kairo es vermocht hätte –, daß die politischen Erwartungen der Palästinenser nicht mehr länger einfach ignoriert werden können. Die Verbindungen zwischen Ägypten und den arabischen Staaten sind neu geknüpft worden, ohne daß deshalb Abstriche an den Beziehungen Kairos zu Israel gemacht worden wären.

Schließlich wurden auch die Bemühungen Ägyptens um direkte Gespräche zwischen der PLO und den Vereinigten Staaten im vergangenen Dezember belohnt. Und erst in der vergangenen Woche hat der sowjetische Außenminister Schewardnadse auf seiner Rundreise durch den Nahen Osten die besondere Rolle Ägyptens herausgestellt.

Aber hinter der Freude über diese Entwicklungen verbirgt sich in Kairo die unbehagliche Erkenntnis, der politische Einfallsreichtum Ägyptens entspreche bei weitem nicht seinem tatsächlichen politischen Gewicht.

Vielleicht war das schon immer so. Aber heute macht sich in Kairo das Gefühl breit, daß Ägypten zwar alle möglichen Vorschläge machen kann, aber andere in der Region das Sagen haben. Aus diesem Grund sollte die neue Bush-Administration in Washington sich jetzt darum bemühen, einen schlüssigen Lösungsansatz für den Nahen Osten auszuarbeiten, der Israel das Gefühl ausreichender Sicherheit gibt, aber zugleich von Ägypten in der arabischen Welt aktiv vertreten werden kann. Deshalb auch sollte der Vorschlag Kairos – den die Sowjets gerade wieder unterstützt haben – für eine internationale Konferenz in Washington ernst genommen werden. Sie wäre ein vorläufiger Rahmen für bilaterale Verhandlungen zwischen Israel und seinen wichtigsten Widersachern.

Dabei geben sich die Ägypter kaum der Illusion hin, eine solche Konferenz könne die Region von all ihren Problemen befreien. Die eigene Erfahrung hat sie gelehrt, daß für einen wirklichen Fortschritt im Nahen Osten zwei Bedingungen zusammentreffen müssen: Das Sicherheitsbedürfnis Israels muß gewahrt werden; und nur solche Staaten dürfen als Garanten eines Abkommens herangezogen werden, die die Mittel und den Willen haben, die Interessen der Unterzeichnerstaaten unter einen Hut zu bringen.

Eine internationale Konferenz würde diese Bedingungen noch nicht schaffen. Aber sie würde zumindest erleichtern, daß alle beteiligten Parteien einander als rechtmäßige Gesprächspartner anerkennen. Der Schewardnadse-Besuch hat gezeigt, wie sehr inzwischen auch die Sowjetunion die Mittlerrolle Ägyptens zu schätzen weiß. Sie sollte auch von Israel und den Vereinigten Staaten respektiert werden. Äußerer Druck, Erpressung und Angst können nicht das Fundament für den Frieden legen. Dazu bedarf es vielmehr des Vertrauens wie der Überzeugung, daß der Dialog allen dient – und beides kann erst gedeihen, wenn alle Seiten erkennen, daß sie einen ernstzunehmenden Vermittler gefunden haben, dessen langfristige Lösungsvorstellungen den ihren nicht zu unähnlich sind. Hierin liegt die zentrale Rolle Ägyptens.